Wie Deutschland auf die große Ehrung von Günter Grass reagiert hat, ist merkwürdig. Zweierlei verrieten die Mäkeleien in der Presse, in den Salons: die Unfähigkeit, sich einfach zu freuen; das Bestreben, Grass als einen Gestrigen hinzustellen - nun hat er den Nobelpreis, nun darf er verstummen.

Ein Zufall? Der Schriftsteller wird just zu dem Zeitpunkt ausgezeichnet, da eine Art Kulturkampf tobt unter den Intellektuellen. Die Debatte um die Gedankenspiele des Philosophen Peter Sloterdijk hat sich vom ursprünglichen Gegenstand - der Gentechnik - entfernt und verselbstständigt. Zwei "Denkschulen", das vereinfachende Wort muss man in Anführungszeichen setzen, streiten wieder einmal über das Selbstverständnis der Republik und darüber, wer fortan das Sagen haben werde.

Das nächste Kapitel schrieb 1993 Botho Strauß. In seinem Essay Anschwellender Bocksgesang rechnete er ab mit der "Nachkriegsintelligenz", die immer nur das eine sehen wolle: "die Schlechtigkeit der herrschenden Verhältnisse". Strauß wandte sich gegen die "Gewissenswächter", gegen den "verklemmten deutschen Selbsthass", den linksliberalen Konformismus mit seinem "Vokabular der Empörungen", das stets unterstelle: "Die Gesellschaft ist schuld!" Der Schriftsteller geißelte die "kritisch Aufgeklärten, die keinen Sinn für Verhängnis besitzen", für das Tragische und Fatale, das der Geschichte innewohne.

Das dritte Kapitel folgte 1996, als Daniel J. Goldhagen in seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker behauptete, nicht bloß die führenden Nazis, sondern vor allem die "ganz gewöhnlichen Deutschen" hätten den Holocaust verschuldet, denn ihr Judenhass habe sich tödlich unterschieden vom Antisemitismus der Nachbarvölker. Als Goldhagen mit dem Demokratiepreis geehrt wurde, hielt Habermas die Laudatio: "Wie wir Schuld und Unschuld im Rückblick verteilt sehen", meinte der Philosoph, sage sehr viel aus über unseren Begriff von Freiheit. Wer das Geschehen als etwas Unveränderliches verstehe, "in das wir uns zu schicken haben", der mindere den freien Menschen und verkenne seine Fähigkeit zu handeln und - ein Grundzug auch im Werk des bewussten Pädagogen Günter Grass - zu lernen. Seit dem Krieg habe denn auch politische Aufklärung zum Bewusstseinswandel in Deutschland beigetragen, schloss Habermas seine Laudatio, deren Titel für sich sprach: Über den öffentlichen Gebrauch der Historie .

Zwei Jahre später das vierte Kapitel, Martin Walser hielt 1998 seine Frankfurter Rede. Teils knüpfte sie an Botho Strauß an, teils war sie Antwort auf Jürgen Habermas: wider die "öffentlichen Gewissensakte", die "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken", die "Drohroutine des Beschuldigens" in den Medien.

Wenn die Republik über ihre geistigen Grundlagen streitet, dann streitet sie nicht über Zukunftsvorstellungen für das wiedervereinigte Land im vereinten Europa, sondern über die Vergangenheit. Doch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg wird die Debatte unergiebig - aus drei Gründen.

Erstens: Für die Jüngeren ist der Holocaust inzwischen Geschichte, die zwar stark in die Gegenwart hineinwirkt und -wirken soll, aber eben Geschichte. Wer am bedrängten Geist der Aufklärung festhält, den Habermas und auf sinnliche Weise auch Grass verkörpern, erweist der eigenen Sache einen schlechten Dienst, wenn er heute in seinem Denken und seiner Moral zu sehr von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs ausgeht. Denn das öffnet Martin Walser und seiner "Denkschule" Tür und Tor. Und: Der Faschismus, dessen Sloterdijk geziehen wird, ist eine historische Kategorie und kein Erklärungsmuster für die Zukunft.