Die deutsche Literaturgeschichte oder, besser gesagt, die deutsche Dichtergalerie, weist bis in neueste Zeiten die sonderbarsten Individuen auf. Fast über jeden unserer großen Schriftsteller lässt sich Merkwürdiges sagen. Der eine, Adalbert Stifter, litt unter Fresssucht, der andere, Mörike, lebte mit zwei Frauen zusammen und schwieg zehn Jahre lang. Kafka hatte abnorme Minderwertigkeitsgefühle, E.T.A. Hoffmann machte es Spaß, andere Menschen zu erschrecken, Rilke hielt sich für adelig, Stefan George umgab sich mit einem Männerorden und kleidete sich gelegentlich römisch.

Diese Liste könnte beliebig verlängert werden. Bekanntlich ist jeder menschliche Charakter eine Abweichung von der Norm. Bei Christian Morgenstern ist das Skurrile scheinbar ganz in seine Dichtung eingeflossen, denn aus seinem Leben ist weiter nichts Sensationell-Abartiges zu berichten. Auch die etwas eigenartige Bruderschaft des "Galgenberges" ist nur ein Teil seiner Dichtung im Sinne einer Action, wie wir heute sagen würden: Ernsthafte Männer treffen sich regelmäßig und verbringen Stunden unter den sonderbarsten, an Freimaurerei und Geheimgesellschaften erinnernden Riten.

Reden wir also über die Galgenlieder , für mich eines der wichtigsten Bücher dieses Jahrhunderts. Die ersten Gedichte dieser Sammlung entstanden 1895 für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam mit dem Namen eines dortigen Galgenberges schmücken zu müssen meinte. Auf Versammlungen in Kneipen, die Morgenstern mit einem rostigen Schwert auf dem Tisch leitete, wurden sie auch zu Klavierbegleitung gesungen. Nicht selten musste der Wirt zu späterer Stunde einschreiten und die erheiterten Bundesbrüder zur Ordnung rufen.

Über 200 groteske Gedichte hat Christian Morgenstern geschrieben, 1933 wurden sie unter dem Titel Alle Galgenlieder vereinigt. Der echte Morgenstern-Fan kennt sie sämtlich. Alles, was Morgenstern von sich gibt, ist gediegen. Sogar eher beiläufig hergestellte Gebilde, auf Postkarten im Café hingekritzelt, tragen das Signum des Frischen, Neuen, so noch nie da Gewesenen, des ein für alle Mal Gültigen. Das Groteske führt uns das unser Leben Deformierende vor - das Unabwendliche, hier wird's Ereignis.

Blödem Volke unverständlich

treiben wir des Lebens Spiel.

Gerade das, was unabwendlich,