Mein Jahrhundertbuch (41)

Christian Morgensterns "Galgenlieder"

Die deutsche Literaturgeschichte oder, besser gesagt, die deutsche Dichtergalerie, weist bis in neueste Zeiten die sonderbarsten Individuen auf. Fast über jeden unserer großen Schriftsteller lässt sich Merkwürdiges sagen. Der eine, Adalbert Stifter, litt unter Fresssucht, der andere, Mörike, lebte mit zwei Frauen zusammen und schwieg zehn Jahre lang. Kafka hatte abnorme Minderwertigkeitsgefühle, E.T.A. Hoffmann machte es Spaß, andere Menschen zu erschrecken, Rilke hielt sich für adelig, Stefan George umgab sich mit einem Männerorden und kleidete sich gelegentlich römisch.

Diese Liste könnte beliebig verlängert werden. Bekanntlich ist jeder menschliche Charakter eine Abweichung von der Norm. Bei Christian Morgenstern ist das Skurrile scheinbar ganz in seine Dichtung eingeflossen, denn aus seinem Leben ist weiter nichts Sensationell-Abartiges zu berichten. Auch die etwas eigenartige Bruderschaft des "Galgenberges" ist nur ein Teil seiner Dichtung im Sinne einer Action, wie wir heute sagen würden: Ernsthafte Männer treffen sich regelmäßig und verbringen Stunden unter den sonderbarsten, an Freimaurerei und Geheimgesellschaften erinnernden Riten.

Reden wir also über die Galgenlieder , für mich eines der wichtigsten Bücher dieses Jahrhunderts. Die ersten Gedichte dieser Sammlung entstanden 1895 für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam mit dem Namen eines dortigen Galgenberges schmücken zu müssen meinte. Auf Versammlungen in Kneipen, die Morgenstern mit einem rostigen Schwert auf dem Tisch leitete, wurden sie auch zu Klavierbegleitung gesungen. Nicht selten musste der Wirt zu späterer Stunde einschreiten und die erheiterten Bundesbrüder zur Ordnung rufen.

Über 200 groteske Gedichte hat Christian Morgenstern geschrieben, 1933 wurden sie unter dem Titel Alle Galgenlieder vereinigt. Der echte Morgenstern-Fan kennt sie sämtlich. Alles, was Morgenstern von sich gibt, ist gediegen. Sogar eher beiläufig hergestellte Gebilde, auf Postkarten im Café hingekritzelt, tragen das Signum des Frischen, Neuen, so noch nie da Gewesenen, des ein für alle Mal Gültigen. Das Groteske führt uns das unser Leben Deformierende vor - das Unabwendliche, hier wird's Ereignis.

Blödem Volke unverständlich

treiben wir des Lebens Spiel.

Gerade das, was unabwendlich,

Bedauerlich ist es, dass die deutschen Leser die Nennung seines Namens meist nur mit dem berühmten Wiesel, das auf einem Kiesel sitzt, inmitten Bachgeriesels, und zwar "des Reimes wegen", verbinden. Darüber hinaus ist vielleicht noch das Huhn in der Bahnhofshalle bekannt, nicht für es gebaut , beim Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun ist dann gewöhnlich Schluss: Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri od Americo .

Übersehen wird zumeist der zeitkritische Ansatz, etwa in dem Gedicht Lass sie Dreadnoughts bauen und Überdreadnoughts . Ein Gedicht also über Schlachtschiffe in einer Zeit, da die Deutschen (und die anderen Europäer) sich an schimmernder Wehr ergötzten. Die sich anbahnende Katastrophe des Weltkriegs hat er vorausgeahnt. Singend gehn die Völker zu Bett, und singend gehn sie zum Frühstück - ein paar Jahre später gingen sie singend in den Tod.

Wir sind Zeuge eines unerhörten Vorgangs: Urplötzlich, aus der Menge der ihrer Zeit verhafteten Literaten, jenseits aller Konventionen und gewöhnlichen Sensationen hat hier einer einen Weg gefunden, der in Bereiche führt, von denen sich die Menschen damals (bis dato) keine Vorstellung machten. Er hat zwar Nachahmer gefunden, aber keine Nachfolger, er hat keine Schule gegründet, weil er nichts übrig ließ. Und doch ist die moderne Dichtung ohne ihn nicht vorstellbar. Man kann ihn gar nicht überschätzen. Er steht auf einsamer Höhe.

Christian Morgenstern ist in unserer deutschen, nicht gerade von Humor beseelten Literatur eine Art Ehrenrettung, einer der seltenen Glücksfälle im Geistesleben einer Nation. Das Knie, das einsam durch die Welt geht, das Huhn in der Bahnhofshalle, das ist das Akute, mit dem wir es heute zu tun haben. Das grosse La-lu-la wird das Ergebnis sein.

Übrigens - und das ist ebenfalls kurios und für einen Deutschen recht bemerkenswert: 1871 geboren, 1914 im März gestorben. Er hat also keinen Krieg erlebt.

· Christian Morgenstern: Galgenlieder dtv 2639; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998; 368 S., 15,- DM

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  • Von Walter Kempowski
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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