Immer wieder lese ich Gorbatschows berühmten Spruch, mit dem er 1989 Honecker vor dem offenbar bedrohlichen Reformstau gewarnt haben soll: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Nun habe ich gehört, Gorbatschow habe etwas ganz anderes gesagt. Stimmt das? Dirk Schmücker, Lüneburg

Bei Jubiläen wie dem zehnten Jahrestag des Mauerfalls erinnert man sich gern an die berühmten Sprüche - und muss oft feststel- len, dass sie so nicht gefallen sind, wie etwa bei der Mondlandung (ZEIT Nr. 29/99). Auch Gorbatschows Zitat wurde im Nachhinein wohl "begradigt". Ein Mitschnitt der Aktuel- len Kamera des DDR-Fernsehens vom 5. Oktober 1989 zeigt, wie Gorbatschow auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld von Erich Honecker zur 40-Jahr-Feier der DDR empfangen wird. Bei dieser Gelegenheit sagte er den Satz: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." So weit die etwas holprige, aber immerhin öffentlich dokumentierte Redewendung. In seinen Memoiren schreibt Gorbatschow, er habe zwei Tage später Honecker in einem Vieraugengespräch gesagt: "Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Vielleicht hat er tatsächlich zwei Tage an dem Spruch gefeilt, bis er schließlich griffig genug war. Nachprüfen kann man's nicht.