Eine gebremste Kettenreaktion

Warum es in Japan auch nach dem Atomunfall keine Debatte über einen Ausstieg aus der Kernenergie gibt

Jetzt wissen wir, dass nicht nur die Russen schlampig sind", sagt Shuichi Kato. Nach Tschernobyl hätten sich die Japaner mit dem Gedanken beruhigt, so etwas könne in ihrem disziplinierten und hoch entwickelten Land nicht passieren, meint der Essayist und Gesellschaftskritiker. Der Atomunfall in Tokaimura hat diesen Mythos nun mit einem einzigen "blauen Blitz" hinweggefegt. Der Schock, von dem sich das Land auch eine Woche danach noch nicht erholt hat, rüttelt so stark an den Fundamenten des japanischen Selbstverständnisses wie zuvor nur das schwere Erdbeben in Kobe. "Nach dem Erdbeben in Los Angeles hatten japanische Beamte behauptet, unsere Brücken seien anders", sagt Kato. Als die Stadtautobahn von Kobe dann auf der Seite lag wie ein hilfloser Tausendfüßler, war das Vertrauen der Japaner in die Unfehlbarkeit der Technik erstmals schwer erschüttert. Der Atomunfall von Tokaimura reibt Salz in dieselbe Wunde. "Auch Japaner können schlampig sein", stellt Kato lapidar fest.

Die Nachlässigkeit der Betreiberfirma der Uranfabrik löst im High-Tech-Land Japan ungläubiges Kopfschütteln aus. "Das ist ja unvorstellbar", soll Premierminister Obuchi ausgerufen haben, als man ihm davon erzählte. Seine Reaktion ist typisch. "Besonders die Tatsache, dass Handarbeit im Spiel war, macht die Bürger wütend", sagt der Atomkraftgegner Hideyuki Ban vom Citizens Nuclear Information Center in Tokyo. Auch das war freilich in jüngster Zeit schon einmal vorgekommen. Nach einem gefährlichen Leck in einem Reaktor in Tsuruga im Juli rutschten Arbeitern in Schutzanzügen auf den Knien herum und wischten das radioaktive Kühlwasser von Hand auf. Nach Tokaimura sprach Japans Regierungssprecher von einem Unfall, der für "eine moderne Nation beschämend" sei.

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Doch während die Regierung schnell versuchte, den Unfall auf einen "simplen und primitiven Fehler" der Arbeiter vor Ort zu schieben, der keinesfalls das ehrgeizige Atomprogramm des Landes in Frage stelle, geriet sie selbst unter Beschuss. Die Hilflosigkeit in den Stunden nach dem Beginn der atomaren Kettenreaktion, die viel zu späten Warnungen an die Bevölkerung, die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen in Tokaimura - all das veranlasste die Zeitung Nihon Keizai Shimbun zu dem bitteren Fazit, Japan sei in puncto Krisenmanagement "immer noch ein Entwicklungsland".

Atomkritiker kommen in den japanischen Medien nicht zu Wort

Die Kritik in den japanischen Medien, so bissig sie auch sein mag, konzentriert sich jedoch weitgehend auf Details. Die Betreiberfirma wird für ihre Fahrlässigkeit gegeißelt und die Regierung für die Verletzung ihrer Aufsichtspflicht. Doch die Atomenergie selbst, ihre Beherrschbarkeit und Zivilisationstauglichkeit, stellt kein Kommentator in Frage. In vielerlei Hinsicht hat der Unfall in Tokaimura in Deutschland eine schärfere Debatte ausgelöst als im 140 Kilometer entfernten Tokyo. Das Wort "Ausstieg" etwa tauchte in der gesamten Berichterstattung der japanischen Tageszeitungen ein einziges Mal auf: in einem Zitat des deutschen Umweltministers Jürgen Trittin. In Japan gibt es keine Ausstiegsdebatte. Daran haben weder Tschernobyl noch die schwer verstrahlten Arbeiter von Tokaimura etwas geändert.

Für diese zahme Reaktion auf Störfälle ist allerdings keine "kulturelle Andersartigkeit" der Japaner verantwortlich. Auch im technikbegeisterten Japan gibt es viel unterschwellige Angst vor den Gefahren der Atomenergie. Rund siebzig Prozent aller Bürger sagen in den Umfragen seit Tokaimura, sie seien sehr besorgt über die Kernkraft. Der Grund für die fehlende Atomdiskussion liegt im Versagen der japanischen Medien, ihr Publikum angemessen zu informieren. "Zeitungen und Fernsehen spiegeln in Japan nicht die Ansichten der Bevölkerung wider", sagt Gesellschaftskritiker Kato.

Diese Erfahrung machte beispielsweise Hiroaki Koide, Experte für Reaktorsicherheit an der Universität Kyoto. Nach Tschernobyl lud ihn der Fernsehsender Kansai-TV zu einer Live-Diskussion ein. "In der Vorbesprechung sagte ich, das wichtigste Thema sei, dass hier in Japan Atomkraftwerke gleichen Typs betrieben werden. Die Redakteure verboten mir, das in der Sendung zu wiederholen. Sie sagten, der größte Sponsor ihrer Sendung sei der Elektrokonzern Kansai Denryoku."

Auch der Kernkraftgegner Hideyuki Ban hat seine Erfahrungen mit den Medien gemacht: Nach dem Atomunfall von Tokaimura wollte er in einer Live-Sendung des Senders TBS eine Debatte über den Ausstieg aus der Kernenergie fordern. "Schon in der Vorbesprechung sagte man mir, so weit dürfe ich nicht gehen, weil die Elektrokonzerne zu den wichtigsten Werbekunden des Senders zählen", so Ban. "Im Sender Fuji-TV konnte ich es sagen, aber sie schnitten es wieder raus."

Die Worte "Hiroshima" und "Nagasaki", die dem deutschen Umweltminister nach dem Unfall in Tokaimura sofort einfielen, sind in der japanischen Debatte auf fast gespenstische Weise abwesend. Ausgerechnet in Japan scheint niemand die Gefahren der Kernspaltung in "friedlicher Nutzung" mit denen von Atomwaffen in Verbindung zu bringen. Den Grund dafür sehen japanische Intellektuelle in dem jahrzehntelangen Brauch der japanischen Elite, Hiroshima und Nagasaki einzig und allein im Kontext "Friedenspolitik" zu erwähnen. Historische Gründe für die Abwürfe, etwa die Kriegsschuld der Japaner, werden ebenso verdrängt wie die Tatsache, dass man heute für die Produktion von Atomwaffen auch Reaktoren braucht. "Den Japanern ist eingeredet worden, die Atomexplosionen in Hiroshima und Nagasaki seien plötzlich vom Himmel gefallen. Sie gelten fast als ein außerirdisches Phänomen. Tokaimura aber ist ein Phänomen der realen Welt und wird damit gar nicht erst in Verbindung gebracht", sagt Shuichi Kato.

Paradoxerweise ist es gerade die Erfahrung mit der Bombe, die viele Japaner für die Atomenergie gewonnen hat. "Als Student überzeugte mich das Argument, dass wir Japaner diese enorme Energie nun für friedliche Zwecke, zum Aufbau unseres Landes einsetzen müssten", sagt der Reaktorexperte Hiroaki Koide. Inzwischen glaubt er, dass die Atomenergie niemals sicher zu handhaben sei. Zurzeit steht er in seinem Labor in Kyoto und analysiert Bodenproben aus der Umgebung von Tokaimura auf Radioaktivität. "Ich will beweisen, dass die Angaben der Regierung zur Umweltbelastung falsch und verharmlosend sind", so Koide. Für die japanischen Medien sind seine Untersuchungen kein Thema.

 
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