Eine gebremste KettenreaktionSeite 2/2
Auch der Kernkraftgegner Hideyuki Ban hat seine Erfahrungen mit den Medien gemacht: Nach dem Atomunfall von Tokaimura wollte er in einer Live-Sendung des Senders TBS eine Debatte über den Ausstieg aus der Kernenergie fordern. "Schon in der Vorbesprechung sagte man mir, so weit dürfe ich nicht gehen, weil die Elektrokonzerne zu den wichtigsten Werbekunden des Senders zählen", so Ban. "Im Sender Fuji-TV konnte ich es sagen, aber sie schnitten es wieder raus."
Die Worte "Hiroshima" und "Nagasaki", die dem deutschen Umweltminister nach dem Unfall in Tokaimura sofort einfielen, sind in der japanischen Debatte auf fast gespenstische Weise abwesend. Ausgerechnet in Japan scheint niemand die Gefahren der Kernspaltung in "friedlicher Nutzung" mit denen von Atomwaffen in Verbindung zu bringen. Den Grund dafür sehen japanische Intellektuelle in dem jahrzehntelangen Brauch der japanischen Elite, Hiroshima und Nagasaki einzig und allein im Kontext "Friedenspolitik" zu erwähnen. Historische Gründe für die Abwürfe, etwa die Kriegsschuld der Japaner, werden ebenso verdrängt wie die Tatsache, dass man heute für die Produktion von Atomwaffen auch Reaktoren braucht. "Den Japanern ist eingeredet worden, die Atomexplosionen in Hiroshima und Nagasaki seien plötzlich vom Himmel gefallen. Sie gelten fast als ein außerirdisches Phänomen. Tokaimura aber ist ein Phänomen der realen Welt und wird damit gar nicht erst in Verbindung gebracht", sagt Shuichi Kato.
Paradoxerweise ist es gerade die Erfahrung mit der Bombe, die viele Japaner für die Atomenergie gewonnen hat. "Als Student überzeugte mich das Argument, dass wir Japaner diese enorme Energie nun für friedliche Zwecke, zum Aufbau unseres Landes einsetzen müssten", sagt der Reaktorexperte Hiroaki Koide. Inzwischen glaubt er, dass die Atomenergie niemals sicher zu handhaben sei. Zurzeit steht er in seinem Labor in Kyoto und analysiert Bodenproben aus der Umgebung von Tokaimura auf Radioaktivität. "Ich will beweisen, dass die Angaben der Regierung zur Umweltbelastung falsch und verharmlosend sind", so Koide. Für die japanischen Medien sind seine Untersuchungen kein Thema.
- Datum 07.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/1999
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