Lingamadaiah/Delhi Den Kredit für sein Stück Land finanzierte Mr. Sapota mit dem Entlassungsgeld nach 16 Jahren in der indischen Armee. Söhne und Töchter, Nichten und Neffen haben ihm dabei geholfen, das verwilderte Grundstück in einen kleinen Garten Eden zu verwandeln: Reis, Erdnüsse, Mangobäume und Maulbeersträucher hat er gepflanzt, Hirse und Gemüse für den Eigenbedarf, "und dort drüben" - er deutet auf trockenes Gestrüpp - "wächst demnächst Tabak".

Beunruhigt ist der Bauer allerdings, weil die Verkaufsfrüchte in trockenen Monaten nur gedeihen, wenn er sie aus tiefen Brunnen bewässert. Und auf die Elektrizitätsversorgung für seine Pumpe ist kein Verlass: "Manchmal fließt Strom für ein paar Stunden, manchmal ist die Spannung zu schwach - ziemlich oft läuft gar nichts." Bei Nachbarn habe das Stromchaos schon mal die ganze Ernte ruiniert.

Dabei genießen die Bewohner seines Dorfes Lingamadaiah südlich von Bangalore schon wahren Luxus: Immerhin sind sie überhaupt an ein Stromnetz angeschlossen. Rund 750 Millionen Inder, die in Kleinbauernfamilien leben, müssen ganz ohne Elektrizität auskommen das sind drei Viertel der Bevölkerung. Stromleitungen in entlegene Gegenden, die pro Kilometer bis zu 20 000 Dollar kosten, können sich die Energieunternehmen nicht leisten. Auch Öl und andere Treibstoffe sind für die einfachen Landwirte nicht erschwinglich. Viele Bauern kochen und heizen daher mit Holz und Kuhdung und treiben damit oft Raubbau an Wäldern und Böden. So wie zwei Milliarden Menschen, ein Drittel der Weltbevölkerung.

Dass Bevölkerungswachstum und Landflucht dramatische ökologische Folgen haben, ist eine weitgehend folgenlose Standardaussage energiepolitischer Sonntagsreden. Unterschätzt aber wird ein anderer Zusammenhang: "Je größer der Energiemangel, desto größer das Bevölkerungswachstum", urteilt der SPD-Energieexperte Hermann Scheer, der in der vergangenen Woche mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Anhand von Statistiken, die unterschiedliche Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse historisch vergleichen, weist er zugleich die positiven Seiten dieser "sozialen Wirkung der Energiesysteme" nach: "Gesicherte und kostengünstige Verfügung über Energiequellen und -techniken" führe "allmählich zur Stagnation des Bevölkerungswachstums".

Energie ersetzt Arbeitskraft - diesen banalen Sachverhalt beschrieb der Münchner Physiker Hans-Peter Dürr einmal mit dem anschaulichen Bild der "Energiesklaven": Die Energiedienstleistung, die in den reichen Ländern - von industriell erzeugter Nahrung über die Waschmaschine bis zur Hi-Fi-Anlage - durchschnittlich pro Kopf und Jahr zur Verfügung steht, entspricht etwa dem Muskeleinsatz von hundert Arbeitern.

In den ländlichen Regionen der Dritten Welt aber schuften noch echte Energiesklaven: Statt Wasserpumpen, Treckern und Motoren arbeiten Familienmitglieder. Auch Kinder, die gerade deshalb so zahlreich auf die Welt kommen wie im bäuerlichen Europa Anfang dieses Jahrhunderts - viele Kinder arbeiten viel. Der Mangel an Strom und Treibstoff steht aus Hermann Scheers Sicht daher nicht am Rande, sondern mitten im Zentrum der Spirale aus Unterentwicklung und hohen Geburtenraten: Ohne Energiestrategie, meint er, die gängige Bevölkerungspolitik provozierend, "können Alphabetisierungs-, Geburtenregelungs- und Frauenrechtsprogramme wenig ändern".