Hamsterdrama zu Göttingen
Wie das Schicksal einer Feldhamsterkolonie eine Stadt in Atem hält. EineChronik
I. Die Bedrohung
Im Sommersemester 1998 zeichnet sich für das Renommierprojekt der Universität Göttingen, das neue Zentrum für molekulare Biowissenschaften, eine ernsthafte Gefährdung ab: Nicht Lokalpolitiker bedrohen den Bau, sondern Feldhamster. Naturschützer machen darauf aufmerksam, dass sich eine vom Aussterben bedrohte Hamsterpopulation auf dem Baugelände im Nordbereich der Universität häuslich eingerichtet hat. Die Stadtverwaltung reagiert: Bis zur "Klärung der Hamsterfrage" verbietet sie alle weiteren Baumaßnahmen. Trotz sofort einberufener Krisensitzungen aller Beteiligten (mit Ausnahme der Hamster) ist ein Ausweg nicht in Sicht.
II. Der Streit
Wer im Spätsommer 1998 noch glaubt, der Hamstervorfall sei nur von kurzer Dauer, wird im Wintersemester eines anderen belehrt. Zwar verkündet im August der Braunschweiger Regierungspräsident Peter-Jürgen Schneider einvernehmlich mit Repräsentanten der Universität, des Staatshochbauamtes und der Stadt Göttingen, die Situation sei bereinigt: Man wolle die Kleintiere umsiedeln und die Nager - einer Universitätsstadt angemessen - zum Gegenstand eines mehrjährigen Forschungsprojektes machen. Freilich hat der Regierungspräsident die vielstimmige Energie der Naturschützer unterschätzt. Denn die Hamster gingen zwar in den Winterschlaf, nicht aber ihre Beschützer. Erst legt der Kreisverband Göttingen des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) Widerspruch gegen das umstrittene Bauvorhaben bei der Bezirksregierung Braunschweig ein. Dann nimmt die Staatsanwaltschaft nach einer Beschwerde von Tierschützern ihre Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Stadtverwaltung wieder auf. Das Delikt: Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz. Dabei sind sich die Naturschützer untereinander nicht grün. Gegenseitig beschuldigen sich der BUND, der Naturschutzbund Göttingen (NABU) und das Vogelschutz-Komitee, ihren egoistischen Fundamentalismus auf dem Rücken der Hamster auszutragen.
III. Die Wendung
Am 1. Oktober 1998 gibt Regierungspräsident Schneider auf einer Pressekonferenz die typisch göttingsche, das heißt wissenschaftliche Lösung des Hamsterproblems bekannt: Der Bau des biowissenschaftlichen Zentrums könne unverzüglich beginnen, denn ein unabhängiges Gutachten anerkannter Feldhamster-Experten habe auf dem eigentlichen Baugrundstück des 50-Millionen-Projektes überhaupt keine Hamstervorkommen festgestellt. Das Nagerareal beschränke sich auf die Grünflächen zwischen den Gebäuden.
Auf das wissenschaftliche Interesse wirkt sich das Gutachten nicht aus. Durch das erwähnte Langzeit-Forschungsprojekt, so Vertreter der Universität, solle die Universitätsstadt zu einem "Zentrum der europäischen Feldhamsterforschung" werden. Für das leibliche Wohl der Tiere wolle man auf dem Universitätsgelände Getreide anbauen. Inzwischen haben sich auch Göttinger Wildbiologen auf die Spur der Hamster gesetzt und warten mit einer Sensation auf: Ein ortsvertriebenes Jungtier der Gattung Cricetus cricetus, so ein Forscher, habe in seinem Universitätsinstitut um Asyl nachgesucht. Allgemeine Zufriedenheit über die glückliche Wendung.
Zur ewigen Erinnerung an die Hamsteraffäre versenkt Universitätspräsident Kern einen Spielzeughamster im Grundstein des Instituts für molekulare Strukturbiologie, der am 4. Dezember 1998 in Anwesenheit des Wissenschaftsministers neben Deutschlands berühmtester Nagerkolonie gelegt wird.
IV. Der Vertrag
Der Baubeginn paralysiert die Hamster und ihre Beschützer nur für kurze Dauer. Sechs Wochen nach Beendigung des Winterschlafs finden im Juni 1999 ehrenamtliche Hamsterbeobachter drei tote Nager im Neubaugebiet der Universität. Die hamsterlose Zeit in der Tagespresse hat ein Ende. Die ansonsten gut über den Winter gekommene Hamsterkolonie meldet sich augenblicks als elementare Bedrohung im Bewusstsein der Bauplaner zurück. In der Universität setzen fieberhafte Überlegungen ein, wie die Nagetiere von den neuen Behausungen der universitären Schlüsseltechnologien abzulenken seien
auch der Bauplatz der physikalischen Institute liegt in beunruhigender Nähe der Hamsterwiese. Die Lösung: Ein feldhamstergerecht gepflegter Wanderkorridor muss her, der als Hamstertangente quer durch das Baugebiet direkt zu einem Hamsterfluchtraum führt. Der Fluchtweg im "patchworkartigen Wechsel" von biologisch gepflegten Getreidekulturen und lockeren Gehölzgruppen, so die Planer, soll die Tiere zum Hamstertreck in das nördliche Hamsterreservat einladen, wo "tiefgründige Lößpolster" - selbstverständlich feldhamstergerecht bewirtschaftet - zum hamsterlichen Tiefbau verlocken.
Als exzellenter Kenner dieser hochkomplexen Materie bietet sich wieder das Institut für Wildbiologie an. Sicherheitshalber schließt die Universität mit der Stadt einen städtebaulichen "Hamstervertrag" ab, in dem sie sich verpflichtet, für die durch die Baumaßnahmen verbrauchten Flächen hamstergerechten Ersatz zu schaffen und die Rückzugsräume der Tiere feldhamsteroptimiert zu bewirtschaften.
V. Ziviler Ungehorsam
Doch wie so oft bei behördlichem Handeln hatte man die Pläne über die Köpfe der Betroffenen hinweg gemacht. Vielleicht hätte man vorher eine Hamsterbefragung durchführen sollen. Auch ein Hamsterordnungsdienst, im Rahmen der Hamsterbeteiligung, wäre von Vorteil gewesen.
Die Folgen dieser Versäumnisse sind doppelt bitter. Ausschließlich Jungtiere machen vom Angebot des vertragsrechtlich geschützten Wanderweges Gebrauch. Obendrein gehen die Alten daran, das Baugebiet des neuen Biozentrums zurückzuerobern. Einige ebenso uneinsichtige wie offenbar auch anspruchslose Alttiere ignorieren verschiedene Hamsterverbotsschilder, überwinden eigens für sie errichtete Spezialzäune und Spanplattenwände und lassen sich auf dem für sie unwirtlich gewordenen Gelände nieder. Dieser Entwicklung versucht man durch verstärktes Hamstermanagement Einhalt zu gebieten: Ausgestattet mit einer Sondergenehmigung der Bezirksregierung Braunschweig, stellt man Hamsterfallen auf, um die gefangenen Tiere in ihr ungeliebtes Reservat zwangsumzusiedeln, wo schon vorgebohrte Röhren einladend auf sie warten.
VI. Neue Feinde
Die amtlich sanktionierte Hamstervertreibung ruft die Naturschützer wieder auf den Plan. Auch der Hamsterkorridor bietet Anlass zum Tadel. Denn die Nager müssen auf ihrem Treck eine Straße überqueren, wo Hamster und Autos sich im harten Aufprall begegnen. Eine Untertunnelung der Straße sei das Mindeste, was man an Hamsterschutz erwarten könne, fordern die Hamsterfreunde. Und noch ein weiterer Gegner droht der Koalition der Hamsterfeinde beizutreten: die Affen. Am Ende des Fluchttunnels könnte die Hamster nämlich nicht das Licht der Freiheit, sondern der erbarmungslose Würgegriff von Schimpansen erwarten: Denn die benachbarten Außenanlagen des Deutschen Primatenzentrums sollen erweitert werden, und zwar direkt über dem Ausgang des Hamstertunnels.
Für die Zukunft bahnt sich möglicherweise eine Große Koalition aus Naturschützern und Tierversuchsgegnern an. Schon jetzt schilt die Ökofront - der Naturschutzbeauftragte, die Biologische Schutzgemeinschaft und das Vogelschutz-Komitee - die staatlichen Kontrollbehörden, sich in Untätigkeit zu üben, statt den Gesetzesverstößen der Hamsterpeiniger nachzugehen. Universitätspräsident Kern mahnt indessen zu einem maßvollen und objektiven Umgang mit dem Hamsterthema. Die Gegner der biologischen und physikalischen Schlüsseltechnologien sollten aufhören, "unsere Hamster als lebende Schutzschilde zu missbrauchen".
Der Autor ist Universitätsarchivar in Göttingen
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 41/1999
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