Kampf um die Führung

Heinrich von Stackelberg: Grundzüge der theoretischen Volkswirtschaftslehre von Dirk Ruschmann

Heinrich Freiherr von Stackelberg lieferte Diagnose und Therapie aus einer Hand: Die theoretische Volkswirtschaftslehre sei "eine ausgesprochen schwierige Wissenschaft", schrieb er, und die Theorie-Ausbildung angehender Volkswirte in Deutschland zu schlecht. Abhilfe schaffte er selbst: Seine 1943 veröffentlichten Grundzüge der theoretischen Volkswirtschaftslehre , später zu Grundlagen ... erweitert und umgetauft, waren nach dem Krieg Standardliteratur. Staubtrocken im Stil, setzte Stackelberg (1905-1946) damit einen Markstein für die Wirtschaftsfakultäten. Das gilt bis heute, trotz seiner zeitweiligen Nähe zum Nationalsozialismus.

Stackelberg widerspricht dem Idealbild von der "vollständigen Konkurrenz", demzufolge kein Unternehmer oder Kunde die Preise oder das Verhalten der Wettbewerber beeinflussen kann, weil jeder jedes Produkt und den dazugehörigen Preis kennt. Der reale Markt, analysiert Stackelberg, ist keineswegs vollkommen transparent. Vielmehr tummeln sich hier zumeist Oligopolisten, die sehr wohl das Marktgeschehen gewollt und gezielt beeinflussen: Sie liefern sich Preiskämpfe, verbünden sich, treffen Absprachen oder bil-den Kartelle. Daher stellt sich das Gleichgewicht eines vollkommenen Marktes - so Stackelbergs These - eher selten ein; dieser Fall sei "recht unwahrscheinlich".

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Stackelberg unterstellt nun, der erste Dyopolist werde merken, dass der zweite sich stets nach ihm richtet. Folglich kann der erste genau die Menge des Produktes auf den Markt werfen, die ihm - unter Berücksichtigung der Reaktion des anderen - den maximalen Gewinn verschafft. Diese Menge bezeichnet Stackelberg als das "Unabhängigkeitsangebot". Der zweite findet sich, wenn er seinen Absatz anpasst, in der "Abhängigkeitsposition" wieder. Die Alternative: Er kann seinerseits sein Unabhängigkeitsangebot zum Niedrigpreis auf den Markt bringen und versuchen durchzuhalten, bis der erste aufgibt.

Wenn jedoch beide Dyopolisten alle Einzelheiten des Marktes kennen, werden sie ihre jeweilige Unabhängigkeits- und Abhängigkeitsposition vergleichen. Jeder wird dann die Stellung anstreben, die den größten Gewinn verspricht. In der Regel ist das die Unabhängigkeitsposition. Gibt keiner nach, kann ein Machtkampf und verlustreicher Verdrängungswettbewerb entstehen: laut Stackelberg eine "ruinöse Konkurrenz".

Ein Gleichgewicht auf dem Oligopolmarkt entsteht erst dann, wenn ein Anbieter die Position des Unabhängigen gewinnt und der zweite sich mit der Abhängigkeit zufrieden gibt. Damit verdient der Letztere zwar weniger als der erste, fügt sich aber trotzdem - insbesondere dann, wenn sein Gegner wirtschaftlich mächtiger ist. Denn der Unterworfene verdient so immer noch mehr als bei einem offenen Preiskampf. Diese Marktlage nennt der Freiherr "asymmetrisches Dyopol" - die Ökonomen kennen sie als "Stackelbergsche Lösung".

Das überlegene Unternehmen, das sich als unabhängig behauptet hat, darf sich den Titel "Stackelberg-Führer" anheften. Stackelbergs Erkenntnisse können die Handelspolitik eines Staates beeinflussen: Je mehr einheimische Unternehmen zu Stackelberg-Führern werden, umso mehr werden Gewinne von der ausländischen Konkurrenz auf die binnenländische Wirtschaft verlagert.

Der Begriff "Führer" spielt nicht nur in Stackelbergs Werk, sondern auch in seiner Biografie eine Rolle: Zurzeit der Nationalsozialisten wurde er "Dozentenschaftsführer" der Universität zu Köln und Scharführer in der SS. Und in seinen Schriften stellte er die "staatliche Autorität" und ihre wirtschaftspolitischen Ziele als Führer den Märkten voran: Der Staat kann und darf in die Preisbildung eingreifen, darf gar die Marktformen ändern - etwa Kartelle zusammenstellen, um sie so leichter beaufsichtigen zu können. Als Vorbild für diesen "faschistisch-korporativen" Staat diente ihm Mussolinis Italien. Schon in seinem 1934 veröffentlichten Buch Marktform und Gleichgewicht ließ sich das nachlesen. Aber auch in den Grundlagen widmete Stackelberg, der den Neoklassikern zugeordnet wird, diesem Thema ein Kapitel. Andererseits setzte sich Stackelberg 1937, damals Hochschullehrer in Berlin, für einen jüdischen Doktoranden ein. Später unternahm er vergebliche Versuche, aus der SS auszutreten.

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