Furios, bösartig, brillant
Ein Höllengewächs von einem Buch: Gilbert Adair liebt die grausige Pointe
Ein berühmter alternder Schriftsteller lebt zurückgezogen in einem Landhaus bei London, seit er bei einem Autounfall in Sri Lanka seine Augen und das halbe Gesicht verloren hat. Durch eine Zeitungsannonce in der Times sucht er einen Sekretär, dem er seine Autobiografie diktieren will. Ein junger Mann meldet sich, der das Werk des Autors seit langem kennt und der Geeignete scheint. Er zieht bei dem Blinden ein, lässt sich täglich von ihm diktieren, unternimmt kleine Recherchen für ihn und führt ihn beim Abendspaziergang an der Hand. Zu seinen schwierigeren Pflichten gehört es, die Eigenheiten des nicht leicht genießbaren Herrn zu ertragen, von dem er manches schlucken muss; er darf nie vergessen, die Türen einen Spalt offen zu lassen und überall das Licht anzuschalten, denn der Blinde ist klaustrophob und hat Höllenangst vor der Dunkelheit. Wenn einmal das Licht im Bad nicht brennt, gerät er schon in Panik, so schneidend arrogant er sich sonst immer gibt. Allmählich, wie die beiden unter einem Dach zusammenleben, schleichen sich Gereiztheiten ein, allmählich sickert irgendetwas in die Atmosphäre, und ganz allmächlich richten sich beim Leser die Nackenhaare auf.
Blindband - etwas so Furioses und bösartig Brillantes wie diesen jüngsten Roman Gilbert Adairs gab es lange nicht mehr. Welchen Verlauf er nimmt, darüber sei hier nichts gesagt; kein Wort über die Wendungen und grausigen Pointen, kein Wort darüber, wie man manches ahnt und doch bis zum Schluss hinters Licht geführt wird, kein Wort mehr über das Was - versiegelt sei uns der Mund mit Klebeband.
In Blindband wäre das Problem das Folgende: Das Buch ist ein Kammerspiel und besteht, mit wichtigen Ausnahmen, nur aus Dialog. Wie schafft man es aber, ohne Erzähler dem Leser den Ort der Handlung und die Hauptfiguren vor Augen zu führen? Der Ort ist noch das geringere Problem, das löste schon der alte Fontane, bei dem der Erzähler das Beschreibungsgeschäft gern ans Personal übergibt - da reiten zwei im Schritt nach Schloss Stechlin und können darüber plaudern, was sich hinter der nächsten Wegesbiegung Neues auftut. Aber wie sie aussehen, können sie sich schlecht schildern, ohne dass es lächerlich wirkt, sodass sie gesichtslos bleiben müssten, wenn ihnen nicht doch wieder ein Erzähler zu Hilfe käme. Wenn es diesen Erzähler aber nicht gibt?
Der Fuchs Adair schafft es auch ohne ihn. Die erste Szene des Romans ist das Vorstellungsgespräch. Der blinde Autor testet seinen Bewerber; er will ihn nicht nur als lebendes Diktafon, er will ihn als Auge zur Welt und fordert ihn auf, alles zu beschreiben: das Zimmer, in dem sie sitzen, ihn, den grässlich gesichtsverstümmelten Autor, und sich selbst, den zum Sehen bestellten Sekretär. Damit hat Adair es in der Tasche: Ohne dass ein auktoriales Wort gefallen wäre, sieht der Leser das verstaubte Studierzimmer und die beiden Akteure vor sich, zu denen in der nächsten Szene die schottische Haushälterin tritt, nach deren Abgang der Sekretär wieder seine Beobachtungsgabe beweisen kann.
Was ihm gleich bei seinem ersten Rundblick ins Auge sticht, ist ein hoher Stapel Bücher. Das oberste heißt Liebe, Tod und Teufel . Seine vorausdeutende Funktion beruhe hier auf sich, jedenfalls ist es das erste Buch aus einem ganzen Stoß. Wie früher schon immer, erlaubt sich Adair auch in Blindband eine Menge binnenliterarischer Späße. Der Leser wird Zeuge, wie Literatur entsteht, wie die Gedanken zu Zeichen werden und wie der Diktierende um jeden Strichpunkt kämpft. Er ist dabei, wie der Titel des Buchs, das er in der Hand hält, hin und her erwogen und schließlich gefunden wird. Er hört heraus, wo Adair das Buch im Buch mit eigenen Essays füttert und wo er sich dezent darüber lustig macht (ein paar Adjektive und Anführungszeichen zu viel, die er seinem nicht ganz guten Autor verpasst). Wir erfahren, wer ihn anregt oder mit wem er konkurriert: Stephen King, Martin Amis, der Proust-Ratgeber de Botton, alle werden sie hineingeschmuggelt, auch Thomas Mann, dessen Tod in Venedig das Muster für Adairs letzten Roman Liebestod auf Long Island abgab. Nur einer fehlt bei den Eingeschmuggelten; um so lauter hallt sein Gelächter im Dunkel wider. Nabokovs früher Roman ist für den Blindband das, was die Mann-Novelle für Adairs letzten war; Nabokovs Axel Rex das gleiche geistreiche Ekel, der gleiche polyglotte Snob wie der Schriftsteller Adairs, der als Blinder mit Rex die Rolle tauscht. Gelächter im Dunkel freilich, grausam genug, ist anmutig Knabenkraut gegen Adairs Höllengewächs.
Es sind viele metaliterarische Scherze, die Adair seinem Blindband einflicht, aber es gibt einen darunter, der auf Tieferes zielt. Eine der Besonderheiten des Romans ist, dass wir vom Autor Paul nur den Vornamen erfahren. Der Nachname wird vermieden, es wird aber auf ihn angespielt. Bizarr, aber Sekretär John trägt einen Namen, der dem Pauls auffällig ähnelt, ob er das nicht auch bemerkt habe? Dieser Hinweis genügt, wenn man ihn mit einem zweiten kombiniert. Der Name des Sekretärs ist Ryder, und diesen ähnlich klingenden Ryder, den er zu Unrecht für begriffsstutzig hält, fragt Sir Paul in einem Halbsatz, ob er das Wortspiel in dem Titel verstehe, der ihm eine Weile für sein letztes Werk vorgeschwebt habe: The Death of the Reader .
Der blinde Leser sieht nur, was ihm der Autor erzählt
Dass Reader dennoch als Autor das letzte Wort behält, ist die finale Pointe dieses Romans, der dem Leser erst im Rückblick oder bei der Zweitlektüre offenbart, wie raffiniert alles zusammenhängt (und ihn damit gewissermaßen zum Coautoren macht). Zufall ist hier nichts, und wenn Mr. Reader blind ist, so doch kein einziges Motiv. Am Ende versteht man, dass schon der Ort des Autounfalls ein erster Hinweis war. Man hat einen begründeten Verdacht darüber, was in der Brottunke ist, nach der ihr Zubereiter etwas zu angelegentlich fragt. Und man erfährt, dass selbst das offenbar Verdruckte, die paar fehlenden Spatien, die man dem schlampigen Lektor zuschrieb, zum großen Plan gehören. Es ist das letzte Detail, das den Autor bei der Lösung eines Problems zeigt, das er sich freiwillig aufgehalst hat: auch noch die kleinste Zelle Text mit Sinn zu laden, ja selbst noch das leere Zwischenfeld.
Gerade er hätte darum hateines nicht verdient - diesen Lektor, der leider in der Tat so schlampig war, dass man ihm auch den Spatienschwund in die Schuhe schiebt. Fehler passieren, aber hier sind es zu viele; ein Computer startet nicht "auf", man lädt nicht "an literarische Anlässe ein", man unterscheidet zwischen "sie" und "Sie", und wenn es unmöglich sein soll, "einem Blinden ein Klavierkonzert" zu beschreiben, dann ist es jedenfalls nicht unmöglicher, als mit einem Gehörlosen in die Gemäldegalerie zu gehen. Dass es in der Übersetzung mehr als einen Helvetismus hat, um nicht zu sagen, gibt, dass also alles stark nach Zürich tönt, trägt auch nicht eben bei zur Neutralität, ist aber noch harmlos gegen das Bayerisch, in dem die schottische Haushälterin spricht.
Und harmlos sind auch diese Makel, die diesem Roman nicht schaden können; ein Teufelsbraten von einem Buch, das aus allen Äderchen platzt vor Intelligenz und Gilbert Adair als den Meister erweist, der sich schon lange in ihm räkelt.
· Gilbert Adair: Blindband. Roman; aus dem Englischen von Thomas Schlachter; Edition Epoca, Zürich 1999; 224 S., 38,- DM
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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