Mach den Kasten an und schau

Junge Männer unterwegs: Die neue deutsche Popliteratur reist auf der Oberfläche der Welt

Wenn die Literatur eine Maus ist, und die Maus sitzt in der Falle, und vor der Falle sitzt die Katze, und die Maus muss nur die Laufrichtung ändern, um von der Katze gefressen zu werden, dann ist das nicht schön. Aber ein Gleichnis von Kafka. Nur ein Gleichnis, aber ein Gleichnis nur nun auch wieder nicht. Die Literatur, als Maus betrachtet, hat die Wahl zwischen Kerker und Tod und auch sonst nicht viel Beinfreiheit. Sie sitzt in jeder Hinsicht in der Falle. Sie müsste nicht nur der Katze, sondern dem ganzen Gleichnis entkommen, um zu überleben. Doch Literatur, die dem Gleichnis und damit der Literaturfalle entkommen und womöglich hinaus ins Leben will, ist keine mehr. Auch das ist nicht schön, aber irgendwie noch immer von Kafka, der, obzwar keine Maus, aber doch in gewisser Weise auch in der Falle seiner eigenen Gleichnisse saß.

Auch dieses Gleichnis mag eine Falle sein, aber es erzählt etwas über den Ort der Literatur, über die Geschlossenheit des literarischen Raums, die Gefangenschaft der Maus in der Welt der Metaphern und symbolischen Ordnungen. Denn aus der geschlossenen Anstalt des Hochliterarischen ist noch kaum einer lebend herausgekommen. Zu Hause, am sicheren Ort des Metaphorischen, tanzen die Mäuse auf den Tischen. Zu Hause in der Hochliteratur ist eigentlich alles erlaubt, nur eines nicht: rauszugehen. Draußen vor dem Hochliteraturtrakt sitzt die Katze. Das macht melancholisch und sesshaft.

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Die jungen Herren, die vielleicht nicht im alten Sinn Literatur und Leben, aber doch Literatur und Lebensstil zur Deckung bringen wollen, sind - von Goetz, der hiphop auf die 50 zugeht, einmal abgesehen - im Wesentlichen unter 25, wenn nicht adlig, dann doch edel, jedenfalls angezogen, entspannt verzweifelt und von gut gelaunten Manieren, Musterschüler des Zeitgeistes, Kleinbürgerschreck in Filialleiteranzügen, elitär, intelligent, beweglich und deswegen von allem auch das Gegenteil. Dandys der Popmoderne, aber vielleicht auch Abgesandte eines neuen Zeitalters, das Michel Houellebecq in seinem Roman Elementarteilchen groß und einfach das "nachmetaphysische" nennt.

Endlich bekommt diese Republik die Literatur, die sie verdient hat

Was immer das bedeutet, in den Romanen, Erzählungen, Tage- und Gesprächsbüchern von Rainald Goetz, Benjamin von Stuckrad-Barre, Moritz von Uslar oder Christian Kracht sitzt die Maus jedenfalls nicht mehr zu Haus. Hier wird nicht nur die ganze Republik im Zug genommen, hier herrscht in einem grundsätzlichen Sinn Durchzug. Fenster auf und "die Zeit mehr oder weniger einfach durch sich durch lassen", schreibt Goetz in seinem Tagebuch Abfall für alle, das Tag für Tag ein Jahr lang im Internet zu lesen war und nun einen 800-Seiter bei Suhrkamp abgibt: Roman eines Jahres, Protokoll eines nachmetaphysischen Bewusstseins, das weniger Subjekt als Baustelle des Zeitgeistes sein will, Palaver des täglichen Lebens, Fetzen, Resteverwertung, schriftliche Endmoräne eines Tages - die dpa-Ästhetik des privaten Lebens, der nicht nur durch den Rede-Sound der Internet-Sprache, sondern programmatisch die Literatur ausgetrieben werden soll. Keine Überhöhung, keine Bilder, keine Charaktere, keine Berührung, kein Wühlen in den Speckfalten des Ich, keine Arbeit im Weinberg der Formulierungskünste, sondern Texte, die so gut gelaunt kaputt sind wie alles andere. Asche zu Asche. Eins zu eins, Ausgleich in den letzten Spielminuten dieses Jahrhunderts.

Moritz von Uslar fährt Ski, im wunderbaren Davoser Skigebiet, und es gibt Spaghetti Bolognese. Rainald Goetz fährt nach Tokyo, schläft ein, wacht auf, sieht im Fernsehen Video-Games, Comic-Charts, Kindersex-Charts. Annie Phrommayon (sonst kommen ja Frauen eigentlich nicht rein in diesen Internatszöglingsverein) fährt für den Erzählungsband Mesopotamia mit einer Coleman-Kühltasche nach Las Vegas und lässt sich im Hotel von einer Cocktailkellnerin fotografieren. Carl von Siemens fährt im selben Band mit dem Shuttle-Bus durch den Flughafen von Colombo, im "besten Vertrauen darauf, daß man am besten fährt, wenn man sich den Dingen überläßt". Lorenz Schröter will nichts als "fahren, fahren, fahren" durch das Land des Shell-Atlas. Und Benjamin von Stuckrad-Barre ist in seinem Erzählungsband livealbum sowieso nur unterwegs, obgleich selten in "der Stimmung, vom Bus in den Nahverkehrszug zu steigen, weiter in den InterRegio, von dort in den InterCity und schließlich ins Taxi und dann ins Flugzeug", wandern, wandern, wandern von einer Lesung zur anderen. Egal, wo auf der Welt, steht in Abfall, was zählt, sind "klar geordnete Verhältnisse: Da ist der Flughafen. Wo stehen die Taxis? Wie heißt das Hotel? Erst mal schön ausruhen."

Daraus entstehen Geschichten, die nicht das Leben schreibt, sondern die, die am Leben vorbeifahren, Passagiere, Passanten des Augenblicks, Zuschauer für ein paar Einschaltminuten, drive in, drive out, schalte um. Eigentlich schade, schreibt Goetz einmal, dass das Leben keinen Fernsehton hat. Was andererseits auch nicht nötig ist, denn das Fernsehen ist dieser Generation zur Natur geworden und die Natur zum Fernsehen. Was Stuckrad-Barre auf seiner Lesereise im Band livealbum erlebt, ist die Harald-Schmidt-Show mit unbegrenzter Laufzeit. Wer blöd ist, hat ein RTL-Infogesicht, wer nachdenkt, hat Jurastudentengedanken, und wenn der Erzähler in sich hineinsieht, sieht er einen "ein wenig ehrgeizig recherchierten Charakter einer Satire", Gemeinschaftsproduktion ARD und ORF.

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