Zurück zum einzig möglichen Roman

Bei Imre Kertész kehrt alles immer wieder

Die Frage könnte, ja sollte einem im Halse stecken bleiben, doch sie drängt sich auf: ob nämlich der Journalist Borowski, der Chemiker Primo Levi, die Germanistin Ruth Klüger oder der Boulevardier Imre Kertész je Autoren geworden wären, Autoren bewegender, bedeutender Bücher, hätten sie Auschwitz nicht überlebt und dann versucht, diese Todes- und Überlebenserfahrung erzählend zur Sprache zu bringen - mit dem Risiko des Scheiterns, mit dem (fast peinlicheren) Risiko des so genannten Gelingens, des Erfolgs. Erfolg, das ist das pralle Gegenteil von Fiasko, wovon Kertész immer wieder erzählt und was ja Durchfall, Misserfolg bedeutet.

Für Kertész scheint die Antwort auf diese vorlaute Frage klar und klar auch, dass er Adornos viel zitiertes und beflissen missverstandenes Diktum, Dichtung nach Auschwitz wäre barbarisch, nur auf den Kopf gestellt verstehen könnte, dass nämlich nur im Zeichen dieses Menetekels geschrieben werden kann, was als Literatur noch zählt. "Alles übrige", so Kertész, "ist nur Unterhaltung, Geldverdienen, Dahergerede, Geschwafel." Folgerichtig hat er sich immer nur als Autor eines einzigen, seines ersten Buches verstehen können, des Romans eines Schicksalslosen, der die Welt der Todeslager so gnadenlos nackt und nüchtern ins Auge fasst wie vor ihm nur Tadeusz Borowskis Die steinerne Welt.

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Seitdem also lebt Kertész als ein Gefangener dieses 1973 abgeschlossenen, 1975 zwar in Ungarn gedruckten, doch unerwünschten opus primum, magnum et unicum, befreit zwar vom Druck und Glück der langen Niederschrift, doch gedrängt, ja verdammt zu immer neuen Variationen dieses einen Textes und seines einen, einzigen Themas, so fiktive in den Romanen Fiasko (ungarisch schon 1988) und Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (ungarisch 1989, deutsch 1992), so essayistische im Galeerentagebuch und Ich - ein anderer (1993, 1998). "Auch, wenn ich von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz ... Im Vergleich dazu scheint mir alles andere als Schwachsinn." Oder doch zumindest als zweitrangig, feige, beschädigt. Denn: "Auschwitz hat der Kunst unter anderem auch deshalb geschadet, weil sie seitdem vorsichtiger geworden ist, wie ein Invalide. Alles hat seine Kühnheit verloren."

Das ist der Schatten, der Verdacht, unter dem Kertészs Stellvertreter im Fiasko- Roman zu leben, zu denken, zu schreiben versucht, "der Alte" genannt, der zwar "kein richtiger Alter" ist, aber sich fühlt "wie jemand, der alt ist". Denn er hat sein eines, einziges Buch längst geschrieben, war schreibend über ein Jahrzehnt lang außerhalb der Zeit und vegetiert nun wie ausgestoßen, ein Überlebender seines Werks. Als Berufsschriftsteller musste er, um der Honorare und eines Pensionsanspruchs wegen, "um keine Bücher mehr schreiben zu müssen, noch einige Bücher schreiben". Aber welche, wozu und wie? Mürrisch und gierig wird in alten Skizzen- und Ideenbündeln gestöbert. Der Alte liest, hört seinen jüngeren Vorgänger sinnieren und auch schwafeln, stöhnt: "Ach du großer Gott!" oder: "Soll dich doch der Teufel ficken!" oder meckert auch nur ein "Hehe". Der alte Krapp also, Becketts über seine Tonbandkonfessionen gebeugte Literatenruine, scheint dem ungarischen Kollegen zu soufflieren.

Und doch ist dieser lange, über ein Drittel des Buchs dahinlaufende Prolog mehr als nur eine trist komische, virtuose Hommage und Parodie. In seinen wahrhaft atemberaubend geschachtelten, quälend und spielerisch redundanten Erzählsätzen zwingt uns Kertész nämlich in eine doppelt klaustrophobische Enge. Einmal, indem er uns hineinbannt in das längst legendäre 28 Quadratmeter große Gehäuse und Gefängnis, die mit Mobiliar, Lärm, Abgasschwaden, Erinnerungen voll gestopfte "Galeere", in der er 35 Jahre lang mit seiner Frau gehaust und von 1960 bis 1973 seinen Roman eines Schicksalslosen geschrieben hat. Beklemmend auch, weil er uns zugleich in ständiger Parallelschaltung hineinzwängt in das ebenso labyrinthisch verwinkelte und verkeilte Hirn des Alten.

Alles kehrt dort in Schleifen und Haken immer wieder manisch zurück zum ersten, so unwiederholbaren wie unvergesslichen Roman, dieser einzig richtigen und doch so zweifelhaften Niederschrift der Erfahrungen eines vierzehneinhalbjährigen Jungen, der sich eine halbe Stunde lang einem schussbereiten Maschinengewehr gegenübersieht und seitdem weiß: "Ich hatte das einfache Geheimnis der mir gegebenen Welt begriffen: überall und jederzeit erschießbar zu sein." Das lässt sich, zur Not, aufschreiben, doch trotz aller Anstrengung nicht erklären. Und anstrengen, ja quälen will sich der Alte, um zu begreifen, was ihm in seinem Lagerraum so fatal gelungen ist, was daran zweifelhaft und zum Verzweifeln bleibt, warum er ihn nie mehr überholen, überbieten wird, aber auch nicht hinter ihn zurückfallen kann. Oder doch?

Das Romanwerk hat aus einem, seinem unerträglichen Leben und Überleben Kunst gemacht, aus einer absurden Wirklichkeit eine Struktur der Wahrheit, aus ihm selbst eine Figur. Was bleibt da zum Weiterleben oder gar Weiterschreiben? Offenbar nur eine Rückkehr in das Lebensfiasko vor diesem zweifelhaften, schmerzhaften Kunsttriumph. Tatsächlich entdeckt der Alte unter seinen abgelegten Notizen den Entwurf einer solchen Zeitreise zurück in die fünfziger Jahre. Ihn ausführend, lässt er sich zurückfallen, in eine Regression, eine Wiederholung.

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