Hier spricht der Protokollchef

György Konrád schreibt, dass es nur so staubt

Er ist ein bedeutender Erzähler und veröffentlicht zunehmend geschwätzige Romane, er hat mit brillanten Essays die Wirklichkeit nicht nur erklärt, sondern vielleicht sogar zum Besseren verändert und drischt auf Kongressen in aller Welt Platituden, dass es nur so staubt. Er rühmt die Kontemplation und wird darüber hektisch, er verwirft die Macht, aber die erste Reihe seiner Vorträge ist dicht mit Würdenträgern besetzt. Seine periodisch zu Büchern gebundenen Reden der letzten Jahre lesen sich, als wären sie ohne Umweg über ein intellektuelles Publikum gleich unmittelbar an die angetretene Honoratiorenschaft aus Wirtschaft und Klerus, Regierung und Opposition adressiert. Ausstaffiert mit allen Auszeichnungen, die das Europa von heute für die medientüchtigen und mediensüchtigen unter seinen geistigen Repräsentanten zu verteilen hat, wäre er zweifellos unser aller Kandidat, wenn es darum ginge, für die Vereinigten Staaten von Europa den geeigneten Präsidenten zu wählen.

Zu allem bezieht er Stellung, überall ist er dabei

Romane wie Der Komplize, Das Geisterfest oder Melinda und Dragoman sind Meisterwerke. Wer sich dereinst ein Bild vom Leben im System des realen Sozialismus machen will, von den verratenen Idealen, den verlorenen Illusionen, der alles aufzehrenden Verstaatlichung der Existenz, der Vergeudung von Talent und Glück - der wird aus der Lektüre von Der Komplize mehr erfahren als aus einer Bibliothek historischer und soziologischer Studien. Bewundernswert wiederum ist die Leichtigkeit, mit der sich Konrád in Das Geisterfest und Melinda und Dragoman über Konventionen des Romans hinwegsetzte, als wollte er souverän demonstrieren, dass niemand anderer zu bestimmen hat, was ein Roman sei und welchen Gesetzen er zu folgen habe, als der schöpferische Romancier selbst. Diese Leichtigkeit, mit der Konrád sich seine eigenen erzählerischen Gesetze schuf und Anekdoten, Traktate, Abhandlungen, Geschichten, Porträts in seine Romane zu integrieren wusste, bestätigte aufs glänzendste, was er einmal über die "demokratische Erzählform" gesagt hatte: dass nämlich "im Roman alles Platz hat, das ganze Bewußtsein paßt hinein".

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Das Geisterfest (1986) und Melinda und Dragoman (1991) bilden den glänzenden Auftakt zu einem Romanzyklus, den Konrád 1996 mit der in Komposition und Gestaltung allzu sorglosen Steinuhr und nun mit Der Nachlaß fortsetzte. Die Einzelteile dieses Zyklus sind über die Figuren, namentlich die drei Schulfreunde Janos Dragoman, David Kobra und Antal Tombor, sowie eine Vielzahl an Schauplätzen, Themen, Motiven miteinander verbunden. Nebenfiguren des einen Romans wie Melinda, die Geliebte Dragomans und Ehefrau Tombors, treten im nächsten in den Vordergrund, Hauptfiguren wie der politisch verfolgte David Kobra, der im Geisterfest, dem vielleicht schönsten Roman Konráds, seinen großen Auftritt hat, flanieren nur mehr durch den Hintergrund der folgenden Bände. Der Schauplatz der ersten beiden Bücher ist ein sehr real gezeigtes Budapest, die beiden folgenden spielen im fiktiven Kandor, einer anfangs etwas provinziell verschlafenen, dann von hektischer Amerikanisierung erfassten Stadt am See, in deren impressionistischer Aquarellierung Konrád viel Budapesterisches aufleuchten lässt.

Der Zyklus wurde noch in der Ära des realen Sozialismus begonnen und ist jetzt an einem Punkt der historischen Entwicklung angekommen, an dem die einst geflüchteten Intellektuellen, die eine aparte Ideologie des Nomadentums entwickelten wie Dragoman, als Pensionisten in die alte, kalte Heimat zurückkehren; oder wie Tombor, der früher ein gefeierter Regisseur war und nach der Wende Bürgermeister wurde, endlich die Politik als "das wahre Theater" inszenieren können; oder wie der unbeugsame Kobra, den die Freunde ironisch als "dissidentischen Schriftsteller und Menschenrechtsaktivisten" charakterisieren, sich auch im realen Kapitalismus wieder an den Rand gedrängt finden. Leider ist der Zyklus mit Der Nachlaß nicht nur bei der unmittelbaren Gegenwart, sondern auch an einem künstlerischen Tiefpunkt angekommen.

Eigentlich hat Tombor, der dieses Mal als zentrale Erzählinstanz fungiert, alles erreicht: Zwei Wahlen hat er gewonnen, an seinem Bürgermeisteramt findet er als wohlwollender Despot sichtliches Vergnügen, an "runden Tischen versammle ich die geistige Prominenz der Stadt, manches von dem, was mir geraten wird, beherzige ich, anderes wiederum nicht, letztendlich höre ich auf mein Gefühl". Aber die Macht hat auch etwas Einsames, und da sind die wiederkehrenden Bilder der Vergangenheit, Erinnerungen an Verbrechen und Leid: "Mehrfach mußte ich die Erfahrung machen, daß die Menschen wegbleiben von mir. Ein Teil meiner Freunde aus der Kindheit trat eine Reise im Viehwaggon an und löste sich in Rauch auf. 1956, als die Grenze durchlässig geworden war, ging die Hälfte meiner Klassenkameraden außer Landes, verschwanden meine Freunde, Freundinnen, meine Schwester und meine Cousins im Westen."

Die schönsten, ergreifenden Passagen von Konráds neuem Roman holen die Welt der Kindheit herauf, eine Welt, in die unvermittelt der Tod, die Vernichtung trat. Eigenartigerweise erzählt Tombor aus seiner Kindheit Geschichten, die wir bisher eher von Dragoman und Kobra kannten oder aus autobiografischen Berichten Konráds, etwa der in ihrer Lakonie so erschütternden Heimkehr von 1991. Auch Tombors Eltern werden 1944 abgeholt und ins Konzentrationslager deportiert, und der Elfjährige, ganz auf sich gestellt, muss alleine sehen, wie er die Monate des blanken Terrors überlebt. Bisher war aus den vorangegangenen Romanen bekannt, dass Tombor, im Unterschied zu seinen beiden jüdischen Freunden, aus einer kalvinistischen Familie stammt. So oder so sind die drei Freunde, die gleich Konrád 1933 geboren wurden, Fantasiefiguren, in denen der Autor seine eigene Geschichte zu Ende denken und in verschiedenen gedanklichen Spielformen ausleben kann.

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