Wind in den Knoten

Die späte Meisterschaft des Siegfried Lenz

In seinem jüngsten Essay-Band Über den Schmerz (ZEIT vom 19. 3. 1998) hat Siegfried Lenz geschrieben, die wichtigste Aufgabe der Literatur sei es, "erlittenes Dasein vor dem Vergessenwerden zu bewahren". Für Lenz ist Literatur im Sinne Herders "Gedächtnisarbeit", diese aber bedeutet ihm vor allem "Bruderschaft im Schmerz".

Ein solches Stück Gedächtnisarbeit an einem "erlittenen Dasein" ist auch Lenz' neuer Roman Arnes Nachlaß. Dessen Ich-Erzähler Hans hat den Auftrag, den Nachlass von Arne Hellmer, mit dem er zwei Jahre das Zimmer geteilt hat, zu sichten und zu verstauen. Wer ist dieser Arne? Der Leser erfährt es zunächst nicht. Offensichtlich ein merkwürdig weltverlorener Jüngling, dessen Todesursache erst das Ende des Romans offenbart. Wahrhaft Stück um Stück - beim Durchsehen und Einpacken der Dinge, die Arne im Laufe der zwei Jahre in seinem Zimmer gesammelt hat - wird von Hans die tragische Lebensgeschichte des Toten zusammengesetzt, bis sie als melancholische Seelenlandschaft vollständig vor dem inneren Auge des Lesers liegt. Diese, mit Schiller zu reden, "tragische Analysis", die allmähliche Enthüllung des Geschehenen anhand der von Arne hinterlassenen Dinge, an denen die Erinnerung des Erzählers aufglimmt, das immer nur halbe Freigeben des Blicks auf Innen- und Außenleben des Protagonisten schafft die eigentümliche Spannung dieses doch so verhaltenen, in sich gekehrten, so ganz auf äußere Spannungseffekte verzichtenden Buchs.

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Ein tragischer Verrat, ein wortloser Abschied

Arne, ein durch die Nähe des Todes zugleich Geläuterter, eine anima candida, ausgerechnet er wird schließlich von seinen Kameraden missbraucht, bei einem Raubzug für sie Schmiere zu stehen, und er lässt sich dazu verführen, da er hofft, durch diese Mutprobe endlich als einer von ihnen angenommen zu werden. Doch er verliert stattdessen das seine Existenz fast einzig tragende Vertrauen eines Menschen, mit dem er durch eine fast metaphysische Sympathie verbunden ist: des ganz in einer Welt des Schweigens und mythischer Vorstellungen versunkenen Seemanns Kalluk. Als dieser das Wort nicht mehr an ihn richtet, als durch das Vergehen, in das er sich hat verstricken lassen, jene Sphäre der Reinheit, die der Tod um ihn gelegt hat, verletzt ist, nimmt Arne wortlos vom Leben Abschied: in einem Boot mit eingelegten Rudern lässt er sich von der Elbe fortziehen, folgt - gleichsam im Nachen Charons - den Seinen ins Reich des Todes nach.

Die Berührung mit dem Tod hat Arne der alltäglichen Realität entfremdet. Er vermag die Dinge nicht mehr als prosaische Gebrauchsgegenstände wahrzunehmen, sondern er, dem die Welt schon abhanden gekommen war, sieht jene mit ganz neuen Augen an, als Chiffren eines höheren symbolischen, ja mythischen Sinns, und so sammelt er andächtig die vermeintlich belang- und bedeutungslosesten Gegenstände - ein Stückchen Tau, ein Sprungmesser mit gebrochener Klinge oder ein Stück Reuse, die Hans nach Arnes Tod oft ratlos auf ihren Wert hin befragt.

Arnes Fantasie lebt in mythischen Bildern. Er glaubt, dass es Seemannsknoten gibt - Kalluk hat ihm einen solchen geschenkt -, in die der Wind eingeschlossen ist und deren Lösung Stürme entfesseln kann. Er legt sein Ohr an Bojen und Tonnen und wähnt in ihnen Stimmen, Wind und Wellen zu hören - eine Welt hinter der Realität, aus welcher der Tod ihn schon einmal abberufen hatte und aus der er ihn immer wieder in eine Sphäre jenseits der alltäglichen Dinge zurückruft.

In seinen früheren Romanen hat Lenz oft eine didaktische Tendenz verfolgt. Die Verbindung von tendenziöser Absicht und erzählerischer Spannung war wohl das Geheimnis seines unerhörten Publikumserfolges. Wie es aber schon seit Jahren still um ihn geworden ist, er es still um sich hat werden lassen - die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt in diesem Jahr war eine unerwartete Unterbrechung dieser Stille -, so hat sich auch der Stil seiner Erzählkunst bedeutend gewandelt. Bereits der letzte Roman Die Auflehnung (1994), über den die Literaturkritik schnöde hinwegging, zeigte einen anderen Lenz, der nichts mehr zu beweisen, nichts zu erreichen, nichts zu verändern strebte, der nicht mehr den schweren Mühlstein der Vergangenheitsbewältigung vorwärtszuwälzen suchte - wie in seinen Erfolgsromanen Deutschstunde (1968) oder Heimatmuseum (1978) -, sondern das menschliche Leiden, die Dinge, die ihre Tränen haben, für sich selbst sprechen ließ und das Wesentliche in den symbolischen Anspielungsraum zwischen den Zeilen legte. Diese Sparsamkeit in der Auslegung und Bewertung des Geschehenen hat Lenz in seinem jüngsten Roman noch gesteigert, und gerade dadurch sind Bilder und Erzählmomente von bedeutender Eindringlichkeit entstanden.

In einem Gespräch mit Martin Gregor-Dellin hat Lenz 1976 betont, wie wichtig es für einen Schriftsteller sei, "zunächst in seinem Umkreis sich umzusehen, am beschränkten Ort, an der bemeßbaren Geographie zu arbeiten", um von ihr aus aufs Allgemeine zu zielen. "Ich muß zugeben, daß ich ziemlich viel Realität brauche", eine "Realität der Nähe, des nahen Umkreises". Daran hat sich bis zu Arnes Nachlaß nicht viel geändert. Hier ist die Realität der Nähe die Welt des Hamburger Hafens mit seinen entlegenen Becken, in denen ausgediente Schiffe abgewrackt werden. Man spürt in jeder Zeile, dass Lenz alle handwerklichen Verrichtungen, die er da schildert, so sehr aus eigener Anschauung kennt, dass er selber wohl beim Abwracken eines Schiffes Hand anlegen könnte. Diese Verbindung von gegenständlicher Genauigkeit und atmosphärischer Dichte - eine Kunst, in der ihm kein deutscher Gegenwartsautor gleichkommen dürfte - lässt den Leser die Physiognomie einer Landschaft mit all seinen Sinnen erspüren.

Auf den schwarzen Flügeln der Melancholie

In seinem Essay Die Darstellung des Alters in der Literatur, einem Seitenstück zu Gottfried Benns Aufsatz Altern als Problem für Künstler, trifft Lenz die desillusionierende Feststellung: So sehr sich die Literatur von jeher gerade des Alters angenommen habe - dem Künstler selber sei das Altern weit weniger zuträglich, als die Spätwerk-Ästhetik wahrhaben möchte. "Auch wenn hier und da bemerkenswerte sogenannte Spätwerke dagegen sprechen; im allgemeinen verhilft das Alter - im Sinne einer Steigerung - nicht zur Vollkommenheit."

Da glaubt Lenz aus eigener Erfahrung zu sprechen, aber in seinem Falle hat er sich getäuscht. Man möchte die gedämpften Farben, Spannungsverzichte, Kargheiten seiner späten Prosa, die Reife der leisen Töne gegen seine gewiss farbiger orchestrierten früheren Erzählwerke mit ihrer pädagogischen Absichtlichkeit nur ungern vertauschen. Am ehesten mag man eine epische Spielart vermissen, die ihm früher so selbstverständlich zu Gebote stand und die aus seiner Erzählwelt nun fast vollständig verschwunden scheint: den Humor. Lenz ist der größte Melancholiker der deutschen Gegenwartsliteratur. Die schwarzen Flügel der Melancholie haben die Heiterkeit aus seiner späten Prosa verscheucht. Doch dafür hat er etwas gewonnen, was ihm früher eher versagt blieb: die Kunst der subtilen erotischen Anspielung. Die nur in zarten Andeutungen sich bewegende Schilderung der unerwiderten Neigung Arnes zu Wiebke, der Schwester des Erzählers, gehört zu den unvergesslichen Momenten dieses bewegenden Romans. Arnes Nachlaß ist das schwermütige Spätwerk eines großen Erzählers, der - im Gegensatz zu seiner eigenen resignativen Überzeugung - seine wahre Meisterschaft erst im Alter erreicht hat.

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