Wind in den KnotenSeite 2/2

In einem Gespräch mit Martin Gregor-Dellin hat Lenz 1976 betont, wie wichtig es für einen Schriftsteller sei, "zunächst in seinem Umkreis sich umzusehen, am beschränkten Ort, an der bemeßbaren Geographie zu arbeiten", um von ihr aus aufs Allgemeine zu zielen. "Ich muß zugeben, daß ich ziemlich viel Realität brauche", eine "Realität der Nähe, des nahen Umkreises". Daran hat sich bis zu Arnes Nachlaß nicht viel geändert. Hier ist die Realität der Nähe die Welt des Hamburger Hafens mit seinen entlegenen Becken, in denen ausgediente Schiffe abgewrackt werden. Man spürt in jeder Zeile, dass Lenz alle handwerklichen Verrichtungen, die er da schildert, so sehr aus eigener Anschauung kennt, dass er selber wohl beim Abwracken eines Schiffes Hand anlegen könnte. Diese Verbindung von gegenständlicher Genauigkeit und atmosphärischer Dichte - eine Kunst, in der ihm kein deutscher Gegenwartsautor gleichkommen dürfte - lässt den Leser die Physiognomie einer Landschaft mit all seinen Sinnen erspüren.

Auf den schwarzen Flügeln der Melancholie

In seinem Essay Die Darstellung des Alters in der Literatur, einem Seitenstück zu Gottfried Benns Aufsatz Altern als Problem für Künstler, trifft Lenz die desillusionierende Feststellung: So sehr sich die Literatur von jeher gerade des Alters angenommen habe - dem Künstler selber sei das Altern weit weniger zuträglich, als die Spätwerk-Ästhetik wahrhaben möchte. "Auch wenn hier und da bemerkenswerte sogenannte Spätwerke dagegen sprechen; im allgemeinen verhilft das Alter - im Sinne einer Steigerung - nicht zur Vollkommenheit."

Da glaubt Lenz aus eigener Erfahrung zu sprechen, aber in seinem Falle hat er sich getäuscht. Man möchte die gedämpften Farben, Spannungsverzichte, Kargheiten seiner späten Prosa, die Reife der leisen Töne gegen seine gewiss farbiger orchestrierten früheren Erzählwerke mit ihrer pädagogischen Absichtlichkeit nur ungern vertauschen. Am ehesten mag man eine epische Spielart vermissen, die ihm früher so selbstverständlich zu Gebote stand und die aus seiner Erzählwelt nun fast vollständig verschwunden scheint: den Humor. Lenz ist der größte Melancholiker der deutschen Gegenwartsliteratur. Die schwarzen Flügel der Melancholie haben die Heiterkeit aus seiner späten Prosa verscheucht. Doch dafür hat er etwas gewonnen, was ihm früher eher versagt blieb: die Kunst der subtilen erotischen Anspielung. Die nur in zarten Andeutungen sich bewegende Schilderung der unerwiderten Neigung Arnes zu Wiebke, der Schwester des Erzählers, gehört zu den unvergesslichen Momenten dieses bewegenden Romans. Arnes Nachlaß ist das schwermütige Spätwerk eines großen Erzählers, der - im Gegensatz zu seiner eigenen resignativen Überzeugung - seine wahre Meisterschaft erst im Alter erreicht hat.

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