Futter und Väter
Philip Roth singt das Lied des Kommunismus und ist mal wieder ziemlich gut
Philip Roth ist ein sehr guter und ein sehr fleißiger Schriftsteller. Auch auf Deutsch ist bereits so viel von ihm erschienen, dass außer seinem Verleger wohl kaum jemand alles gelesen haben wird. Das ist auch nicht nötig; was vielmehr zählt, ist, dass man bei jedem neuen Buch die Lust verspürt, dieses Mal wieder dabei zu sein. Dass man dann doch nur jedes zweite liest (immerhin), hat vermutlich mehr mit unserer Kapazität als mit der von Roth zu tun.
Mein Mann, der Kommunist ist die Geschichte einer Lehre, und also sind das Interessanteste die hier auftretenden Lehrer, und der Uninteressanteste ist der, dem etwas beigebracht werden soll. Der heißt natürlich Nathan Zuckerman alias Philip Roth und ist, so wie er im Buch auftritt, eine Mischung zwischen Klugscheißer, Biedermann - und womöglich Vegetarier.
Dieser Ira, nicht der Klügste, aber mit fast zwei Metern einer der Größten - leider auch Wutanfälligsten -, heiratet einen HollywoodStar, Eve Frame (= Rahmen, aha), deren vierter Mann er ist. Die Männer davor - aber wir nennen hier der Einfachheit halber nur den zweiten, Carlton Pennington, auch er Hollywood-Star, Stummfilmheld, reich und schwul und dennoch Vater ihrer einzigen Tochter, die mit dem Namen Sylphid herumlaufen muss (vermutlich, weil sie schwer und dick ist und außerdem Harfe spielt). Diese hat ihre arme reiche Mutter vollkommen im Griff, erst recht, seit diese Ira geheiratet hat, die verwöhnte Bourgeoise und höhere Tochter den Grobian und Weltverbesserer, und so kann diese Ehe nichts anderes als furchtbar werden.
Damit sind die wichtigsten Figuren so ziemlich beieinander, und ich denke, Sie sind einverstanden, wenn wir hier mit dem Nacherzählen mal Pause machen. Jeder von uns ist ja schon einmal mit einer dieser jungen amerikanischen Touristinnen in einem Abteil zusammengesessen, die einen dicken, fetten amerikanischen Taschenbuchroman las mit violett glänzender, hochgestanzter Schrift auf dem Umschlag, und diese Romane sind natürlich nie von Philip Roth. Aber es verbindet sie die Üppigkeit des Personals, wo jemand einen trifft, der einen kennt, der von einem weiß, et cetera pp., von der zugehörigen Verwandtschaft ganz zu schweigen. Irgendwie kommt das vielleicht vom viktorianischen Roman oder vom Barockroman oder vom babylonischen? Vielleicht kommt es aber auch nirgendwo her und ist ganz einfach unsere ewige Erzählsucht, und Philip Roth ist ganz gewiss einer der Verlässlichsten dieser Sucht, den wir haben, und dass er sich dabei auch auf uns verlassen kann, soll hier noch einmal ganz deutlich klargestellt sein, damit wir uns umso unbefangener über sein Machen und Tun äußern können.
Es ist nämlich nicht die Kunstfertigkeit an sich, die wir an Roth bewundern, die Architektur seiner Bücher, ihr Thema, ihre Botschaft oder wenigstens Nachricht. Es ist vielmehr der Fluss, das Crescendo und Decrescendo, das Dahingehen und Nichtaufhörenkönnen, das Reden, Reden, Reden.
Schwatzhaftigkeit? Logolalie? Nein. Es ist die Begeisterung dessen, der immer noch nicht begreifen kann, dass es für seine Verletzungen, seine Freuden und Erkenntnisse wirklich Sätze gibt und dass ausgerechnet er sie gefunden hat. Und natürlich ist es auch das Pfeifen des Kindes im dunklen Wald.
Zurück zum Buch. Wir sind in den zehn Jahren nach dem Krieg, Stichwort McCarthy, jene Ära, in der Amerika sich weismachen ließ, dass ein paar zigtausend Kommunisten imstande seien, die ganze riesige Nation umzukrempeln, zu überrumpeln, auszuliefern. Das ist uns ja auch andernorts schon gut und klug erzählt worden, und Roth trägt zur Erklärung, Begründung und Bedeutung dieser widerwärtigen Aktionen von God's own country leider gar nichts Neues bei, und das ist entschieden enttäuschend. Letztlich wird uns hier nicht viel mehr berichtet, als dass es da mal ein paar aufsässige Gewerkschaften gegeben hat und ein paar Verrückte jenseits und diesseits des Erlaubten. Und tatsächlich eine kommunistische Partei, mitten in Amerika.
- Datum 14.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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