Aufregender Provinzmief
Sándor Tar verzaubert die Niederungen
Sie heißen Onkel Vida, Oma Kiss und Mancika Dorogi, sie sind Briefträger, Säufer und kleine Nutten, irgendwo im tiefsten Ostungarn, wo das Dorf aus ein paar Hand voll Häusern, aus einer Kneipe, einer Busstation und einer Kirche besteht. Wer nicht von der Rente lebt, lebt von Arbeitslosengeld. Wer nicht krank ist, ist blank. Das Leben in der Krummen Straße bietet außer Mühsal wenig, die Hoffnungen sterben wie die Fliegen oder werden im Suff ertränkt. Und doch tut jeder, was er kann: heiratet und hurt herum, palavert und träumt vom Weggehen. So ist der Mensch nun mal, dieses "nicht festgestellte Tier".
Sándor Tar (Jahrgang 1941) erweist sich in seinem Erzählreigen Ein Bier für mein Pferd als großer Kenner und Könner. Er weiß, wovon er schreibt, und er schreibt meisterlich. Ob atmosphärische Schilderung oder Figurenporträt, lakonisch werden Details zu lebensvollen Bildern schaurig-schöner Tristesse addiert:
Je öder das Dekor, desto grausamer und skurriler führen die Menschen sich auf. Vereslaci "fegt seine Frau vom Bett wie ein Insekt", geht zum Parteisekretär in die Fabrik, "legt ihm die Pistole auf den Tisch und fragt, was er noch tun soll, um als Mensch zu gelten". Das "Gemisch aus Bier, Lithium, Noveril und Abdaxin", das er in Misis Espresso kippt, ist nicht geeignet, seine Laune zu verbessern. Demobilisiert und einsam regrediert er zum Bettnässer. Auch Pfarrer Végsö hat kein Glück. Zumindest nicht mit den Frauen. Neun Jahre lang zauderte seine Braut, spuckte ihm in den Mund, dann riss ihr die Netzhaut. Von Heirat jedenfalls konnte nicht mehr die Rede sein. "Später hatte er etliche Abenteuer, aber eher im Traum (...). Mitunter verirrte sich seine Hand dorthin, wo bereits zwei dunkle Flecke den hoffnungslos häufigen Gebrauch anzeigten."
Sándor Tar greift tief in die existenziellen Niederungen, rührt an jenes Instinkthafte, das roh und vital sich behauptet. Wo es nichts zu verlieren gibt, herrscht die Archaik der Triebe. Auch der Schweinestall eignet sich zur Paarung, und Vergewaltigung schont nicht einmal die Invaliden. Sanyi Harap hat sechs Kinder und träumt vom Strick, Mancika Dorogi wollte untern Zug, Lajos ist "wie ein Schüttelfrost" und meint: "Eigentlich fehlt mir nichts, nur das bißchen Zeit sollte endlich vergehen, das ich noch vor mir hab." Keiner wird nüchtern, jeder wünscht sich gnädigen Schlaf. Ein desolates Fazit.
Und dennoch: Auch in diesem Krähwinkel wabert die Sehnsucht nach Besserem. Manchmal sitzt ein Paar still vor dem Haus, manchmal geht die Sonne weiß unter, und Lakatos möchte im Rollstuhl hinaus in die weite Welt. Die hübsche Ibolya hat das Zeug zu entzücken, und weckt der 15-jährige Árpi nicht Hoffnung? "Mit weichem Mund und süßem Speichel, das Gesicht wie das Licht des Mondes, das Haar lockig und glänzend, mit dem Geruch nach Rauch und Holunderblüten darin", die Augen "brennend wie eine Laterne", scheint er aus einer andern Welt zu stammen. Tar, der seine Provinz parataktisch (und ohne didaktisch erhobenen Zeigefinger) protokolliert, greift hier zur Lyrisierung, weil er um die gnadenlose Falle des Lebens weiß. Kein Trost, nirgends. Oder fast. Sein Dorftrupp findet ihn im Schnaps.
Das elende Getue der Dörfler hat aber auch seine komisch-absurden und unschuldig-naiven Seiten. Etwa wenn der junge Dezsö sich dem Glauben hingibt, dass eine Münze ihn vor Lieblosigkeit retten kann. "Er nimmt die Münze in den Mund, und er fühlt nichts." So lapidar enden Tars Szenen aus der Provinz. So abgründig auch.
Die herbe Poesie der "Dorfchronik" - man vermisst sie in Sándor Tars Thriller Die graue Taube. Müßig, den Inhalt dieses "Romans über das Verbrechen" rekapitulieren zu wollen, er schillert facettenreich und ist schwer zu fassen. Nur so viel: In einer ostungarischen Kleinstadt bricht eine - angeblich von Tauben verursachte - Epidemie aus, deren Opfer an akuten Blutungen sterben. Die Fahndung konzentriert sich auf den "Taubenmann", der die Tiere mit nichtidentifizierten Chemikalien vergiftet haben soll. Wie sich herausstellt, ist die Polizei selber in mafiose Deals verwickelt. Man mordet sich gegenseitig, aber auch die übrige Stadt gebärdet sich wie im Drogenrausch: "Einer stößt seiner Mutter die Leiter weg. Während des Beischlafs ersticht eine ihren Mann mit der Schere. Einer wirft seine Frau vom Balkon. (...) Eine sticht ihrem kleinen Sohn mit der Stricknadel ins Hirn. Geheimnisvolle Todesfälle im Verbrechermilieu. Die Brust abgebissen. Ins Kühlhaus gesperrt ..." Das Grauen kennt keine Grenzen, und als Leser verspürt man eitel Überdruss, wären da nicht so sonderbare Figuren wie der dunkelhäutige Junge namens Neger, der unschuldige "Kleine Prinz" und Wachtmeister Malwine im Look einer Bauersfrau. Dass es nach all den Gräueln zu einem familiären Happy End kommt, gehört zu den schönen Überraschungen des Romans: Kommissar Molnár, Malwine und die beiden Kinder finden sich unverhofft zu einem Gruppenbild zusammen. Auch Bier und Wodka fehlen nicht.
- Datum 14.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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