Ungarisch - ein goldener Käfig?Seite 2/3

896 ließen sich die Ungarn in ihrer jetzigen Heimat, dem Karpatenbecken nieder (später organisierten sie sich zum Königreich Ungarn, das bis 1920 bestand), aber sie waren nie so zahlreich, dass sie das gesamte Gebiet ausgefüllt hätten; dort lebten außer ihnen Slawen in großer Zahl, später auch Rumänen und Deutsche. Die Ungarn waren zwar die größte Einzelgruppe im Karpatenbecken, aber insgesamt lebten im historischen Ungarn immer mehr Nichtungarn als Ungarn. Viele Wörter wurden aus dem Slawischen (asztal - Tisch, szabad - frei), dem Lateinischen (templom - Kirche, pásztor - Schafhirte, sors - Schicksal) und sogar aus dem Italienischen übernommen (piac - Markt von piazza, pojáca - Clown, Bajazzo von pagliaccio).

Alle gebildeten Ungarn sprachen Deutsch

Natürlich empfand man das Deutsche als die größte Bedrohung für die ungarische Sprache: In den Städten sprach man meist Deutsch; Bücher und Druckschriften erschienen meist in deutscher Sprache, man schrieb häufig Briefe auf Deutsch und spielte deutsche Stücke; die Habsburger Verwaltung verstärkte diese Tendenz noch. Alle gebildeten Ungarn sprachen Deutsch, und wer Ungarisch schrieb, war ständig hin und her gerissen zwischen der Versuchung, "Germanismen" einzuführen, und dem Drang, sie zu vermeiden. Die Folge: Das Ungarische hat eine paradoxe Ähnlichkeit mit dem Deutschen. Dabei denke ich nicht nur an die vielen deutschen Lehnwörter im Ungarischen. Viel wichtiger noch ist die hohe Gemeinsamkeit in Redewendungen: Durch sie gleicht das Ungarische dem Deutschen wie ein Delfin einem Fisch, auch wenn Ursprung und innere Struktur bei beiden ganz verschieden sind. Auf Ungarisch wie auf Deutsch kann man sagen: Jemand schneidet auf (felvág), oder: Er ist eingebildet (beképzelt). Die Wörter, die Endungen, die Laute sind verschieden, aber der Diskurs ist parallel. In Berlin las ich einmal in einem Zeitungskommentar zu einem politischen Ereignis den Spruch: "Wie sich der kleine Moritz das vorstellt", und ich musste lachen: Auf Ungarisch sagen wir genau das Gleiche (ahogy azt a Móricka elképzeli).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neue Landesgrenzen gezogen und das heutige Ungarn geschaffen, ein Staat, in dem Ungarisch zum ersten Mal die Sprache der absoluten Mehrheit war (jetzt sprechen 99 Prozent der Einwohner des Landes Ungarisch). Andererseits befinden sich die Ungarn jenseits der Landesgrenzen sehr deutlich in der Situation einer Minderheit. Ungefähr 13 Millionen Menschen haben Ungarisch als Muttersprache, 75 Prozent davon leben in Ungarn und 25 Prozent in den Nachbarländern. Das dürfte erklären, warum die Sprache ein so bedeutendes, beinahe geheiligtes Symbol kultureller und nationaler Identität ist. Ein Beispiel: "Ungarische Literatur" ist ein Ausdruck, der zwischen zwei Bedeutungen schwebt: "Literatur in ungarischer Sprache" und "Literatur in Ungarn". Übrigens hat die Sprache selbst immer nur sehr wenige Dialektvarianten gehabt. Ungarischsprachige Autoren und ihre Werke, ob sie nun aus Bratislava, Budapest oder Brasov stammen, zeigen kaum Unterschiede.

Das tief sitzende Gefühl, einer Minderheit anzugehören, zeigt auch im heutigen Ungarn noch interessante Wirkungen, obwohl es seine Berechtigung verloren hat: Noch in den sechziger Jahren fühlten Schauspieler sich verpflichtet, ihre Namen zu "ungarisieren", wenn sie nicht ungarisch klangen. Das hat sich inzwischen geändert, und jetzt tragen Schauspieler die Namen Hirtling, Kolovratnik oder Papadimitriu mit Stolz. Doch das Gefühl, die Sprache müsse geschützt werden wie eine vom Aussterben bedrohte Pflanze, ist geblieben. Puristen - manche allzu radikal, andere taktvoller und vorsichtiger - murren weiter gegen die Überfremdung der Sprache, nur dass jetzt nicht mehr das Deutsche, sondern das Englische den größten Einfluss ausübt. Nicht allein technische Fachausdrücke wie szkenner (Scanner) oder lízing (Leasing) dringen ein, sondern auch viele Lebensstil und Lebensgefühl von heute charakterisierende Wörter werden übernommen: mainstream, fíling (Feeling), retró (Nostalgie) oder badis (einer, der mit Bodybuilding beschäftigt ist). Vor ein paar Jahren erhoben sich sogar einige Stimmen zugunsten eines Gesetzes, das den öffentlichen Gebrauch derartiger Fremdwörter verbieten sollte, aber Gott sei Dank erkannten die Entscheidungsträger, dass ein solches Gesetz keine erfreulichen Ergebnisse haben würde.

Ungarisch ist nicht nur wegen seines Wortschatzes andersartig. Der Struktur nach ist es eine agglutinierende Sprache - so der Fachausdruck. Das heißt, die Wörter sind eine, manchmal erstaunlich lange, Kette aus Elementen, die in einer klaren, festgelegten Ordnung aneinander geklebt werden. Das Ungarische hat keine Präpositionen und nur sehr wenige Hilfsverben. Zum Beispiel heißt hajthatatlanságunktól "von unserer Unbeugsamkeit" und setzt sich zusammen aus hajt-hat-atlan-ság-unk-tól, wobei die einzelnen Elemente oder Morpheme der Reihe nach das Verb, die Möglichkeit, die Negation, den Substantivstatus, das Possessivmorphem und das Ablativmorphem bezeichnen: (beug-sam-un-keit-unser-von). Und das Ganze geschieht sehr regelmäßig, ja mechanisch. Jedes Substantiv im Plural muss mit k enden, das gilt ohne Ausnahme, auch für neue oder fremdsprachige Wörter, sodass les Tuileries zu a Tuileriák werden. Auch die Pluralformen von Verben und Adjektive enden auf k. So weit scheint das ganz einfach zu sein; jedoch ändern sich die Vokale der Endungen je nach den Vokalen im Wortstamm, sie gleichen sich an (Vokalharmonie). Wenn im oben genannten langen Beispiel der Stamm sért (verletzen) ist, lautet das Wort sérthetetlenségünktól (von unserer Unverletzbarkeit); alle Vokale ändern sich, um mit dem Stammvokal zu harmonieren (das Phänomen der Vokalharmonie findet sich auch im Türkischen).

Wie schon gesagt, gibt es kein grammatisches Geschlecht, also keinen Unterschied zwischen "er" und "sie", "seinen" Augen und "ihren" Augen. Das gibt Autoren (besonders Lyrikern) die Möglichkeit, sich abstrakter oder unbestimmter auszudrücken; in der Übersetzung wird dies dann häufig zum Problem, weil in anderen Sprachen das Geschlecht festgelegt werden muss und die Übersetzer die Entscheidung und die Verantwortung dafür übernehmen müssen, wie und wann sie das tun. Das Ungarische hat nur eine Vergangenheitsform, macht also keinen Unterschied zwischen "lernte", "hat gelernt", "hatte gelernt". Andererseits bezeichnet ein einziges Wort, ob Besitz und Eigentümer im Singular oder Plural stehen, also: háza - sein/ihr (Singular) Haus, házuk - ihr (Plural) Haus, házai - seine/ihre (Singular) Häuser, házaik - ihre (Plural) Häuser.

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