Standfest und liberal
Katharine Graham, die Verlegerin der "Washington Post", blickt zurück
Erich Böhme wollte als Herausgeber der Berliner Zeitung aus dem Blatt eine deutsche Washington Post machen, das heißt eine Hauptstadtzeitung. Dies ist eine Zeitung ja nicht schon deshalb, weil sie in der Hauptstadt erscheint. Hinzukommen muss, dass sie national und international als eine Stimme von politischem Gewicht und als journalistisches Qualitätsprodukt, möglichst sogar mit Vorbildcharakter, anerkannt wird.
Den schweren und risikoreichen Weg der Washington Post von einem bescheidenen Lokalblatt zu einer Hauptstadtzeitung von internationalem Spitzenrang schildert die Herausgeberin und Verlegerin, Katharine Graham, in ihrer Autobiografie. 1917 geboren, steht sie dem Unternehmen immer noch vor. Sie legt Wert auf die Bezeichnung Chairman, die aus Gründen der Political Correctness zu ändern ihr nie in den Sinn gekommen wäre.
Auch sein Nachfolger, Katharines Ehemann Phil Graham, ein Jurist, überwand alsbald seinen verlegerischen Amateurstatus und schuf in rastlosem Kaufdrang eine Art Imperium: Radio- und Fernsehstationen, das Nachrichtenmagazin Newsweek , ein gemeinsamer News-Service mit der Los Angeles Times und das wichtigste Konkurrenzblatt, Washington Times Herald . Später kamen Anteile an der International Herald Tribune hinzu.
Katharine Graham war zunächst Miteigentümerin und übernahm nach Phils in manisch-depressivem Zustand begangenem Selbstmord selbst die verlegerische Leitung. Als erstes Familienmitglied brachte sie journalistische Erfahrung (als Reporterin) mit. Schon 1941 schrieb das Nachrichtenmagazin Time , die Washington Post sei "die einzige Zeitung in der Hauptstadt, die im Konzert der Großen mitspielt".
Time bescheinigte der Washington Post auch, sie sei "eine Institution von großer Charakterstärke und Unabhängigkeit". Eine Zeitung von politischem Gewicht muss im Verhältnis zu den Großen der Politik sorgfältig zwischen Vertrautheit und Distanz balancieren. Dafür hatte die Verlegerfamilie respektable Grundsätze entwickelt; sie einzuhalten fiel ihr immer wieder schwer.
So hatte Eugene Meyer bestimmt, die Zeitung werde keinen der Präsidentschaftskandidaten unterstützen. Doch 1952 empfahl die Washington Post ausdrücklich, Eisenhower und nicht Taft zum Kandidaten der Republikaner zu wählen. Das war noch Vorwahlkampf und nicht Wahlkampf; aber Katharine Graham findet, das Blatt hätte sich lieber da heraushalten sollen.
Im Jahre 1960 bestätigte Phil Graham das Prinzip. Doch die Leitartikel der Washington Post ließen "kaum einen Zweifel, auf wessen Seite wir standen", nämlich auf der Kennedys. Da Verleger unparteiisch zu sein hätten, spendete nicht Phil Graham, sondern seine Frau für Kennedys Wahlkampf. Als sie dann selbst Verlegerin war, teilte sie Präsident Johnson mit, er werde wegen der verlegerischen Neutralität von ihr keine Wahlkampfspenden mehr erhalten. Sie verweigerte sich auch seinem Wunsch nach einer Wahlempfehlung der Washington Post zu seinen Gunsten. Johnson war tief verletzt und distanzierte sich immer mehr von ihr und ihrer Zeitung.
Katharine Grahams große Zeit der Bewährung als Verlegerin kam während der Präsidentschaft Richard Nixons. Die New York Times hatte eine geheime Denkschrift des Verteidigungsministeriums über die Hintergründe der Verstrickung Amerikas in Vietnam veröffentlicht. Da ihr nach Intervention der Regierung die Fortsetzung des Abdrucks vorläufig gerichtlich untersagt wurde, druckte nun die Washington Post die "Pentagon Papers" ab, trotz der Gefahr, wegen Missachtung des Gerichts oder gar wegen Spionage belangt zu werden. Der Buchtitel Wir drucken! bezieht sich auf Katharine Grahams Entscheidung in dieser dramatischen Situation. Der Oberste Gerichtshof gab dann den beiden Zeitungen Recht.
Weltweite Anerkennung erwarb sich die Washington Post mit der Aufdeckung der Watergate-Affäre (es ging um einen von Nixon veranlassten Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei) durch ihre Reporter Bernstein und Woodward - ein klassischer und vorbildhafter Fall von investigativem Journalismus, der zu Nixons Rücktritt führte, der Washington Post den Pulitzerpreis einbrachte und Gegenstand eines Spielfilms mit Robert Redford wurde. Katharine Graham sah ihre Rolle als Verlegerin darin, den Journalisten den Rücken freizuhalten und die in "wahnsinniger Wut" unternommenen Pressionen und versuchten Racheakte Nixons abzuwehren. Sie, die von sich sagt, sie sei keine gute Kämpferin, bewies exemplarische Standfestigkeit.
Katharine Graham, die aus einem streng konservativen Elternhaus kommt, wurde als Studentin eine glühende Anhängerin Roosevelts, den ihre Mutter hasste, und entwickelte sich zu einer engagierten Liberalen, betont aber, sie sei im Grunde konservativ geblieben. Sie glaubt, dass der Kapitalismus für eine freiheitsliebende Gesellschaft das am besten funktionierende System ist, "aber dass man sich auch irgendwie um die Menschen kümmern muss".
Einen monatelangen Kampf mit der Druckergewerkschaft stand sie mit größter Hartnäckigkeit durch. Angesichts von Boykottmaßnahmen und Gewaltakten streikender Gewerkschaftler entschied sie auch hier: "Wir drucken!" Ihr mit viel Freude am Detail geschriebenes Buch bietet einen subjektiven, von sympathischer Ehrlichkeit und manchmal fast von einem Übermaß an - überhaupt nicht koketter - Bescheidenheit geprägten Einblick in amerikanische Zusammenhänge von Presse, Politik und Gesellschaft.
· Katharine Graham: Wir drucken! Die Chefin der Washington Post erzählt die Geschichte ihres Lebens; aus dem Amerikanischen von Henning Thies; Kindler Verlag, München 1999; 704 S., 68,- DM
- Datum 14.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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