Standfest und liberalSeite 2/2
Katharine Grahams große Zeit der Bewährung als Verlegerin kam während der Präsidentschaft Richard Nixons. Die New York Times hatte eine geheime Denkschrift des Verteidigungsministeriums über die Hintergründe der Verstrickung Amerikas in Vietnam veröffentlicht. Da ihr nach Intervention der Regierung die Fortsetzung des Abdrucks vorläufig gerichtlich untersagt wurde, druckte nun die Washington Post die "Pentagon Papers" ab, trotz der Gefahr, wegen Missachtung des Gerichts oder gar wegen Spionage belangt zu werden. Der Buchtitel Wir drucken! bezieht sich auf Katharine Grahams Entscheidung in dieser dramatischen Situation. Der Oberste Gerichtshof gab dann den beiden Zeitungen Recht.
Weltweite Anerkennung erwarb sich die Washington Post mit der Aufdeckung der Watergate-Affäre (es ging um einen von Nixon veranlassten Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei) durch ihre Reporter Bernstein und Woodward - ein klassischer und vorbildhafter Fall von investigativem Journalismus, der zu Nixons Rücktritt führte, der Washington Post den Pulitzerpreis einbrachte und Gegenstand eines Spielfilms mit Robert Redford wurde. Katharine Graham sah ihre Rolle als Verlegerin darin, den Journalisten den Rücken freizuhalten und die in "wahnsinniger Wut" unternommenen Pressionen und versuchten Racheakte Nixons abzuwehren. Sie, die von sich sagt, sie sei keine gute Kämpferin, bewies exemplarische Standfestigkeit.
Katharine Graham, die aus einem streng konservativen Elternhaus kommt, wurde als Studentin eine glühende Anhängerin Roosevelts, den ihre Mutter hasste, und entwickelte sich zu einer engagierten Liberalen, betont aber, sie sei im Grunde konservativ geblieben. Sie glaubt, dass der Kapitalismus für eine freiheitsliebende Gesellschaft das am besten funktionierende System ist, "aber dass man sich auch irgendwie um die Menschen kümmern muss".
Einen monatelangen Kampf mit der Druckergewerkschaft stand sie mit größter Hartnäckigkeit durch. Angesichts von Boykottmaßnahmen und Gewaltakten streikender Gewerkschaftler entschied sie auch hier: "Wir drucken!" Ihr mit viel Freude am Detail geschriebenes Buch bietet einen subjektiven, von sympathischer Ehrlichkeit und manchmal fast von einem Übermaß an - überhaupt nicht koketter - Bescheidenheit geprägten Einblick in amerikanische Zusammenhänge von Presse, Politik und Gesellschaft.
· Katharine Graham: Wir drucken! Die Chefin der Washington Post erzählt die Geschichte ihres Lebens; aus dem Amerikanischen von Henning Thies; Kindler Verlag, München 1999; 704 S., 68,- DM
- Datum 14.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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