Ein stiller Held
Hellmut G. Haasis erforscht das Leben des Hitler-Attentäters Georg Elser
Die Zeitgeschichte hat ihn auf sträfliche Weise übersehen. Wenn überhaupt, beschrieb sie ihn als "Sonderling" oder "Fanatiker". Lange brauchte es, bis ihn die populären Lexika einer Notiz für wert hielten, richtig zur Kenntnis genommen ist er bis heute nicht. Während die Literatur über den militärischen Widerstand gegen Hitler mittlerweile einen beachtlichen Umfang angenommen hat, Politik und Gesellschaft den 20. Juli alljährlich zelebrieren, finden sich in Deutschland kaum Erinnerungen an den schwäbischen Schreiner Georg Elser, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe zur Explosion brachte, die das Land von seinem Diktator befreien sollte.
Hellmut G. Haasis hat mit seiner akribischen Untersuchung über Leben und Tat Elsers diese Lücke geschlossen. Seine sorgfältige Dokumentenauswertung korrigiert die vielen diffamierenden und verschleiernden Legenden, die um den Mann gewoben wurden. Ein Einzeltäter war er, ein unideologischer Idealist, ein Deutscher, der sich weigerte, die Zerstörung moralischer Werte zu akzeptieren. Während der Gestapo-Verhöre erklärte Elser schlicht und bestimmt: "Die seit 1933 in der Arbeiterschaft von mir beobachtete Unzufriedenheit und der von mir seit Herbst 1938 vermutete unvermeidliche Krieg beschäftigten stets meine Gedankengänge. ... Ich stellte allein Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden könnte. Hierzu wurde ich von niemandem angeregt, auch wurde ich von niemandem in diesem Sinn beeinflußt."
Elser dagegen war vom ersten Tag an ein Gegner des Nationalsozialismus, und er handelte. Als er sich - wahrscheinlich 1936 - zu seiner Tat entschloss, ging er konsequent, mutig und ohne Zögern vor. Keine großartigen Visionen trieben ihn, er hatte keinen Apparat hinter sich, musste sich das Spreng- und Zeitzündermaterial selbst beschaffen, und er hatte niemanden, mit dem er seine Pläne erörtern konnte. Umsichtig bereitete er die Tat vor, kundschaftete alle Möglichkeiten aus, baute in nächtelanger Arbeit seine Zeitbombe in einen Pfeiler auf der Galerie des Münchner Bürgerbräuhauses ein. Nervenstark, einsam und entschlossen ging er ans Werk. Kein "Sonderling", sondern ein zutiefst moralischer Mann war er.
Am 8. November 1939 ist Polen bereits zerstört und geschlagen, Hitler bereitet seinen Westfeldzug vor. Im Bürgerbräuhaus erinnert seine Partei alljährlich an diesem Tag an den 1923 jämmerlich gescheiterten Putsch der NSDAP, der zum Signal für den "Marsch auf Berlin" werden sollte. Mit hohlem Pathos tritt bei den Veranstaltungen der Führer auf, um "die ersten Blutopfer der Bewegung" zu feiern. Elser, ein begabter Bastler und Handwerker, hat sein Attentat technisch exakt vorbereitet. Die zerstörerische Bombe bringt den Saal zum Einsturz. Diesmal allerdings hat Hitler seine Rede um die Hälfte gekürzt, um wieder rechtzeitig in Berlin zu sein. Nebel ist vorausgesagt, er entscheidet sich, nicht am nächsten Morgen mit dem Flugzeug, sondern noch am selben Abend mit der Eisenbahn zurückzufahren. Um 21.07 Uhr beendet er seine Rede und verlässt unter dem frenetischen Jubel seiner Zuhörer den Saal. 13 Minuten später, um 21.20 Uhr, zündet die Zeitbombe. Drei Menschen sind sofort tot, fünf Schwerverletzte sterben später im Krankenhaus. Hitler und Goebbels beschwören die "Vorsehung", die den Führer vor dem sicheren Tod bewahrt habe.
Elser wird am Abend dieses 8. Novembers beim Versuch, die Schweizer Grenze heimlich zu überqueren, verhaftet. Er trägt Skizzen vom Tatort bei sich. Bald ist er identifiziert, unter den Schlägen seiner Gestapo-Verhörer gesteht er die Tat. (Die Verhörprotokolle wurden erstmals 1970 von Lothar Gruchmann publiziert, ohne in der Öffentlichkeit mit der notwendigen Beachtung aufgenommen zu werden.) Es folgt ein jahrelanges Martyrium im Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er als "persönlicher Häftling" Hitlers lebt, der nach dem Krieg einen Schauprozess gegen Elser plante. Wenige Tage vor Kriegsschluss, am 9. April 1945, wird der durch die lange Haft gesundheitlich und psychisch schwer angeschlagene Attentäter in Dachau ermordet.
Er war stolz auf sein handwerkliches Können
Hellmut G. Haasis berichtet einfühlsam über die Herkunft aus dem schwäbischen Kleinbürgertum. Ein schwieriges, von den wirtschaftlichen Katastrophen der Weimarer Jahre gezeichnetes Leben war es. Elser wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen geboren, ein Jahr später zog die Familie nach Königbronn (eine Gemeinde nördlich von Heidenheim), wo er aufwuchs. Mit Blick auf den gewalttätigen Vater schreibt Haasis: "In diesen Erfahrungen der Gewalt dürfte Georgs starkes Gerechtigkeitsgefühl gründen, ein wesentliches Motiv seiner antinazistischen Einstellung." Elser war ein Einzelgänger, aber seine Beziehungen zu Freunden und Frauen zeugten von Lebenszugewandtheit und -freude. ("Elser galt als flotter Bursche und war beliebt.") Er war stolz auf sein handwerkliches Können, ein pünktlicher, genauer und sehr selbstständig denkender Schwabe.
- Datum 14.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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