Die Zeit ist zum Leitbegriff der Gegenwart geworden. Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Jahren größere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Fluten an Neuerscheinungen über den bevorstehenden Jahrtausendwechsel, zahllose Forschungsprojekte und Symposien über Ursprung und Ziel des Weltalls, vielfältige Therapie- und Managementmethoden für den termingeplagten Menschen sind ein untrügliches Indiz dafür, dass die Zeit das Leben in den spätmodernen Gesellschaften auf ganz unterschiedliche Weise dominiert.

Sicherlich, schon die letzte Jahrhundertwende stand im Zeichen der Nervosität, Hektik und Reizüberflutung. Untergangsvisionen und apokalyptische Mahnungen gab es auch damals schon zuhauf. In der Philosophie wuchs die Kritik an der leeren homogenen Zeit, die dem Erleben des Menschen fremd gegenüberstand. Und die Physik arbeitete sich schrittweise in die Relativität der natürlichen Zeitprozesse vor.

In seinem Buch Vom Tempo der Welt hat der Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler, der zugleich Mitbegründer des Tutzinger Projektes "Ökologie der Zeit" ist, die Veränderungen des Zeitbegriffs nachgezeichnet. Von der Einbettung des Lebens in die natürlichen Zyklen und Rhythmen der Vormoderne über die Entfesselung sozialer und kultureller Entwicklungen in der Neuzeit bis zur totalen Mobilmachung in diesem Jahrhundert hat der Grad der Beschleunigung stetig zugenommen, um heute an eine Grenze zu stoßen: Schneller als mit Lichtgeschwindigkeit und in Echtzeit lassen sich Daten und Bilder nicht mehr übertragen.

Die Folgen dieses Vorgangs bestehen freilich nicht darin, dass die postmodernen Individuen eine größere Verfügungsmacht über die zeitlichen Prozesse besitzen. Im Gegenteil: Der temporale Druck nimmt zu, der Entscheidungsstress unter Terminzwängen wächst, das Überangebot an Wissen und Vergnügungen steigt kontinuierlich an. Wo Millionenbeträge in Sekundenschnelle um den Erdball transferiert werden müssen, 100 TV-Sender um die Gunst der Zuschauer buhlen, unentwegt das Handy klingelt, droht die Überholspurgesellschaft auf dem Standstreifen zu landen. Ihr fehlen Maßeinheiten und Instrumente, mit denen sich der Furor der Schnelligkeit regulieren und kontrollieren lässt. Kronos, der Gott der Zeit, verschlingt seine Kinder.

Die Devise der Postmoderne, "Alles immer, überall und sofort", steht nach Geißler für den Eintritt in eine neue Ära, die nicht mehr vom mechanischen Takt der Uhrzeit, sondern von modellierbaren Zeitströmen bestimmt wird. Die starre Organisation des Alltags, der mit der Entstehung der Warenwirtschaft einem herrschaftsförmigen Timing unterworfen wurde, ist einer flexiblen Gestaltung gewichen. Teilzeit- und Wochenendarbeit, die Vernetzung von Zeitzonen und die Deregulierung von Öffnungszeiten sind Zeichen einer Gesellschaft, die sich vom Diktat der Stunden und Minuten befreit hat. Der Preis dieser Freiheit ist hoch: Feiertage verlieren ihre tradierte Bedeutung, Wartezeiten und Staus rufen Konflikte hervor, Pünktlichkeit wird durch Erreichbarkeit ersetzt, das Job-Surfen lässt die Biografien brüchig werden. Der spätmoderne Zeitnomade ist zum Dauerlernen verurteilt, muss sich seine Lebenspläne selber basteln und steht unter dem permanenten Zwang zur temporalen Selbstdisziplinierung.

Nur die Frauen haben trainiert, mit Zeit zu jonglieren

Per saldo muss immer mehr Zeit aufgewendet werden, um immer weniger Zeit sinnvoll zu verwenden. Diese Paradoxie kennzeichnet auch die elektronischen Medien, wie der Band Flimmernde Zeiten nachdrücklich zeigt. Die Rasanz der Kommunikation durch E-Mail, Fax und Internet wird von immer komplizierteren Programmen und der Überfülle an Informationen wieder aufgezehrt. Fernsehen und Telefon dienen nicht nur der Zeitersparnis, sondern auch der Betäubung von Langeweile und Leerlauf. Die globale "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" erfordert eine hochgradig gesteigerte Aufmerksamkeit, die nicht selten mit dem Wahn künstlicher Verdichtung einhergeht: Man bügelt, zappt durch die Kanäle, switcht die neue CD durch und liest nebenbei die Nachrichten auf dem PC-Monitor.