Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Wie war das noch mal mit der Gewalt Jugendlicher beziehungsweise mit deren Gewaltbereitschaft? In der globalisierten Wirtschaftswelt nimmt die Orientierungslosigkeit Jugendlicher zu, sodass besonders solche, die sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt sehen, mit Gewalt reagieren. Klingt plausibel, oder? Aber nichts davon ist wahr, es handelt sich um ein lupenreines Klischee. Erstens ist es nicht Ausdruck von mangelnder Orientierung, wenn man handelt. Zweitens sind es erwiesenermaßen nicht Jugendliche vom so genannten Rand der Gesellschaft, die mit Gewalt reagieren. Sie bilden mit der Mehrheit die Mitte der Gesellschaft. Nur ein geringer Prozentsatz jugendlicher Straftäter ist arbeitslos. Ihre Gewalt ist nicht sinnlos, sondern sozusagen der vorletzte Schrei eines Sinnes, der nicht zur Kenntnis genommen wird.

Infotainmenttechnisch dankbar und menschlich gnadenlos zur Kenntnis genommen werden Fälle wie jener von Mehmet aus München, der (Medien reagieren auf Medien) hier zum Jungbuhmann erklärt, des Landes verwiesen und in der Türkei sofort vom Fernsehen angestellt wurde. Oder der Fall eines 14-Jährigen aus Berlin, der vergangenen Sommer in der Karibik mit einem Erzieher einen Anti-Aggressions-Urlaub machte und mit Hinweis auf die Kosten dieser Maßnahme von der örtlichen Presse buchstäblich zurückgerechnet wurde. Die Rolle beider Kids war die des Monsters, das unsere gute Gesellschaft gemein schädigt und dann nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Gefordert wurde der Einschluss dieser Jugendlichen. Als Skandal wurde bezeichnet, dass die beiden weiterhin bürgerliche Rechte in Anspruch nehmen durften.

Das Vorurteil von den dumpfen Prüglern wird weggeräumt

Der Journalist Hans-Volkmar Findeisen und der Kriminalsoziologe Joachim Kersten haben ein Buch vorgelegt, das mit den üblichen Vor- und Falschurteilen über Gewalt jugendlicher Männer aufräumt und dafür plädiert, vor dem Urteilen erst einmal hinzuschauen und dann die jungen Leute nicht sofort wegzusperren. Die Autoren gehen auf Fixer im St. Georg Hamburgs ein, rekurrieren kurz auf die Jugendlichen der fünfziger Jahre und beschäftigen sich mit jungen Aussiedler-Russen, mit Skinheads in Brandenburg, Hooligans und Autonomen. Türkisch-deutsche Jugendliche haben leider kein eigenes Kapitel, werden aber hier und da vergleichend mit erwähnt. Zudem nutzten die Autoren Auslandsaufenthalte, um Jugendgewalt und amtliche Reaktionsweisen in anderen Staaten zu beleuchten, in den USA, in Südafrika, Australien/Neuseeland und Japan.

Um das geläufige, selber dumpfe Bild vom dumpf prügelnden Jugendlichen aufzulösen, unternehmen Findeisen und Kersten den Versuch, die Motive derer zu erkennen, die gewalttätig werden. Auf das sozialpädagogisch falsche Vokabular verzichten die Autoren. Man muss sich hier auf andere, vielleicht noch ungewohnte Begriffe einstellen. So werden junge Türken und Aussiedler-Russen als "Krieger" bezeichnet, Hooligans als "Wochenendsöldner" und ostdeutsche rechtsextreme Skinheads als "Landser". Was sie jeder für sich und alle zusammen anstreben, ist Sichtbarkeit.

Der junge Türke als "Krieger" und "Eckensteher" verteidigt seine beziehungsweise die Ehre der Familie. Er erwartet Respekt, und bekommt er ihn nicht, muss er für seine Ehre kämpfen. Gleichzeitig ist er Beschützer der anderen Familien- oder Sippenmitglieder (was ihm nicht verbietet, zum Beispiel seine Frau zu schlagen). Junge Aussiedler-Russen als "Krieger", die gelegentlich deutsche Polizisten angreifen und ab und zu übel vermöbeln, tun das, weil sie keinen Respekt vor einer Polizei haben, die nicht sofort zuschlägt, sondern erst mal diskutieren oder schlichten will. Der Hooligan als "Söldner" wird nur zu festgelegten Zeiten und besonderen Anlässen aktiv - meistens bei Fußballspielen am Wochenende. Der Rechts-Ost-Skin als "Landser" hat die Vorstellung, für das Vaterland den Kopf hinzuhalten und "dem Trommelfeuer des westlichen Zeitgeistes die arische Stirn" zu bieten. Wenn man diese Motivlagen nicht ernst nehme, so die Autoren, verstehe man nicht, welches Bild diese Jugendlichen von der Gesellschaft und von Gewalt haben und welche inneren Notwendigkeiten sie zu ihren Taten treiben.

Wer nicht aufhört zu unterstellen, auffällige Jugendliche seien orientierungslos, muss sich das wohl selbst nachsagen lassen. Findeisen/ Kersten behaupten und belegen, dass die Äußerungsformen jener "sichtbaren" Jugendlichen aus ziemlich genauen Gegen- oder Spiegelbildern des (sichtbaren) Selbstverständnisses der Gesellschaft bestehen. So sei die Heroinfixerszene auf St. Georg das Spiegelbild der körperbewussten, gestylten Welt der besseren Hamburger Gesellschaft, in der die eine oder andere Nase Kokain den Ruf nicht ruiniert. Die Russen- und Türkencliquen teilen mit den Bewohnern der Kleinbürgeridylle in grünen Randbezirken ähnliche Werte und Orientierungen, erstreben ähnliche Statussymbole. Das sei der Grund dafür, dass sie den Bürgern diese Statussymbole, Autos oder Handys zum Beispiel, wegzunehmen drohen.