Verräter für die FreiheitSeite 3/4

Dann tritt Martinovics plötzlich auch als Verfechter des ungarischen Patriotismus auf. Die Ungarn sollen nach dem Beispiel Polens einen heiligen Aufstand organisieren, Kaiser Franz die Königswürde aberkennen und die Republik ausrufen; Ungarn könne doch auch für sich bestehen! Die in einem sehr fruchtbaren Gebiet wohnenden neun Millionen Menschen seien durchaus fähig, sich zu halten, sowohl gegen die Türken als auch gegen die Deutschen, wenn sie sich nur organisierten.

Einen anderen Gedanken betrachtete der Historiker der Monarchie Julius Miskolczy als geradezu genial: So fordert Martinovics dazu auf, die von der österreichischen Dynastie und ihrem Staat getrennte ungarische Adelsrepublik zu einer Bundesrepublik (" foederative res publica") umzugestalten und jeder Nationalität - Slowaken, Ruthenen, Serben et cetera - ein eigenes Territorium mit besonderer politischer Verfassung zuzuweisen. Jede Nationalität habe das Recht auf den Gebrauch der eigenen Sprache und auf freie Religionsausübung. Die Territorien sollen untereinander durch ein enges Bündnis verbunden sein, nach außen haben sie jedoch eine einheitliche, unauflösbare Republik zu bilden.

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Nach einigen Monaten schon haben die beiden Gesellschaften an die 300, wenn nicht mehr organisierte Mitglieder. Die vier Direktoren sowie führende Mitarbeiter werden von Martinovics wiederholt darauf hingewiesen, dass er seine Aufträge direkt vom Konvent in Paris bekomme und dass Aussicht auf Geld und Waffen bestehe. Sie werden also bewusst irregeführt. In Wirklichkeit beschränkt sich die Tätigkeit der Gruppen auf Diskussionen über Menschenrechte und Reformen.

Trotz größter Geheimhaltung fliegt das Unternehmen auf. Truppen werden zusammengezogen und Verstärkungen nach Ungarn verlegt. Die Polizei schlägt im Juli 1794 zu und verhaftet rund 20 Personen, darunter den früheren Geheimpolizeichef Gotthardi, den ehemaligen Mathematikprofessor des jungen Kaisers, Andreas Freiherr von Riedel, und Ignác Martinovics. Wie nicht anders zu erwarten, ist es wieder Martinovics, der sogleich die ungarischen Jakobiner denunziert. Vergeblich beteuert der Titularabt bei den Verhören, dass er nur im Sinne des verstorbenen Kaisers Leopold II. gehandelt habe.

Die Jakobinerbewegung brach rasch zusammen. Sie hatte ja nur aus einer Hand voll hochgebildeter Idealisten bestanden, die Patrioten und zugleich Humanisten waren. Ohne Massenbasis und ohne Geld stellten sie keine echte Gefahr für den Staat und für die Monarchie dar. Dass aber Martinovics bei den Verhören praktisch das gesamte offizielle Ungarn der Mitarbeit oder des Mitwissens beschuldigte, hatte weitreichende Folgen. Er behauptete, die Gesellschaft existiere bereits seit drei Jahren mit mehreren tausend Mitgliedern, wobei auch die Komplizenschaft hoher Würdenträger wie des Zagreber Bischofs Verhovacz angedeutet wurde. Ob Martinovics sich von der Übertreibung seiner eigenen Gefährlichkeit Nachsicht erhoffte oder nur, wie so oft, von maßloser Geltungssucht angetrieben war, ist weniger wichtig als die unerwartete Folgewirkung.

Der kaum 22-jährige Erzherzog Alexander Leopold, der anfänglich ungarnfreundliche Palatin Ungarns, war schockiert und zutiefst enttäuscht. Er setzte die sofortige Ablösung aller gemäßigten ungarischen Würdenträger durch und arbeitete für seinen Bruder, Kaiser Franz II., ein extrem reaktionäres Programm aus, ein Programm, das in der beschränkten Gedankenwelt des Kaisers tiefe Spuren hinterließ. Der Wiener Hof stützte sich von nun an ausschließlich auf Zensur und Polizeigewalt, um Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Die rätselhafte Gestalt des Ignác Martinovics hat auch künftige Generationen intensiv beschäftigt. Und zu welchem Urteil man auch immer über seinen Charakter kommen mag - Tatsache ist, dass seine scharfsinnigen Analysen absolutistischer Herrschaft für die gesamte 43-jährige Regierungszeit Franz' II. und darüber hinaus aktuell blieben. Und selbst während der nationalsozialistischen und kommunistischen Ära berührte die Menschen das Schicksal dieses mit einem autoritären Regime streitenden und paktierenden und schließlich in den Mühlen des Verrats endenden Intellektuellen. Machte man nicht ganz ähnliche Erfahrungen? Auch deshalb ist der denkwürdige Fall des Ignác Martinovics unvergessen geblieben.

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