Der mit der Stimme tanzt

Willy DeVille ist der letzte große Romantiker der Rockmusik. Eine Begegnung in New Orleans

Als er in den verbeulten Pick-up-Truck steigt, mitten in der Nacht die Ray-Ban-Sonnenbrille aufsetzt, den weißen Cowboyhut in die Stirn schiebt und sich auf den Beifahrersitz schwingt, fällt mir Voodoo ein. Ich will ihn fragen, ob er das wirklich ernst meint mit dem Lederbeutel, den er vor dem Herzen trägt, mit dem mild duftenden Gri Gri darin, jener Madame Coco, der Voodoo-Lady, den geheimen Rhythmen, die ihn der Piano-Guru Dr. John lehrte, ihn nach all diesem Zauber fragen, der dem billigen Tand so nahe ist wie der Magie der Wahrheit.

Zu spät, Willy DeVille ist wieder auf dem Weg nach Picayune, zu seinem Landhaus eine Stunde außerhalb von New Orleans, der Zuflucht vor sich selbst, vor den bösen Geistern, die in ihm wohnen.

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"Meine Damen und Herren! Ich darf Sie nochmals daran erinnern, dass Ihnen Southern Comfort diesen Abend ermöglicht hat. Sie wissen ja, Southern Comfort, der Whiskey-Likör mit dem ganz ..." Ganz flüssig läuft dem alerten, jungen Mann die Ansage über die Lippen, an einem warmen Abend in einer Discothek in Hamburg, Anfang der neunziger Jahre. Er hätte ebenso sagen können: Der legale Alkoholismus freut sich ganz besonders, Ihnen heute den illegalen Junkie Willy DeVille präsentieren zu dürfen, Sie wissen ja, den Sänger mit dem Macho-Image, den seelenvollen crooner und knochenharten Romantiker, dem jeder gerne beim Sterben zusieht. Es war ein schöner Abend.

Willy DeVille ist am Ende, und morgen erzählen wir davon und sinnieren, warum ein so begnadeter Sänger zum Junkie wird.

Er sucht seine Jugend in jedem, der im Rinnstein liegt

"Ich hatte meine Höhen und meine Tiefen", resümiert er acht Jahre später im Olivier House in New Orleans, während draußen das Klappern der Pferdehufe verhallt. "Du stehst auf der Bühne vor 5000 Menschen - good boy, good boy - plötzlich sind sie alle heimgegangen, und du siehst nur leere Bierdosen, angebissene Sandwiches und - bist allein. Was passiert? Du willst dieses wunderbare Gefühl wiederhaben, es ist ein bisschen riskant, du bewegst dich am Rande ..." Er nickt sich zu, weil er sich dies alles selbst allzu oft erzählt hat, um clean zu bleiben. "Und dann musst du wieder auf die Bühne, willst dein Publikum nicht enttäuschen, du kannst nicht so völlig fertig aussehen, das ist nicht fair, also ... Es ist ein harter Weg." Und er nennt die Ahnen: Ma Rainey, Bessie Smith, Billie Holiday, Judy Garland, all die Blues-Sänger und Rock-'n'-Roll-Helden.

Es ist die alte Geschichte, diesmal die Version mit dem romantischen Ende: mit Liza, dem Mädchen aus Chicago, das einst dachte, diese Stimme könne nur aus einem tiefschwarzen, goldberingten und fetten Blues-Sänger kommen, Liza, die ihn rettete, die ihn immer wieder vom Heroin wegbrachte, zuerst nach New Orleans, jetzt aufs Land mit den Pferden und jenem Haus, das wie eine kleine Kopie von Graceland wirkt. Liza, die ihn nicht aus den Augen lassen darf, den Herzensbrecher mit der treuen Seele. Hier geht's um Klischees, lesen Sie ruhig weiter.

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