Max Bense Ich dichte, also denke ich
Vom Experimentieren und der Freude am Formulieren: Max Benses Lebenswerk endet im Poetischen
Mitten im geistigen Ödland der Adenauer-Ära - die Bundesrepublik war gerade der Nato beigetreten und die Hallstein-Doktrin mit ihrem folgenreichen Alleinvertretungsanspruch funktionierte glatt - trat ein couragierter Intellektueller mit vehementen Gesten gegen die "metaphysische Gemütlichkeit" auf: Es war Max Bense, ein Stuttgarter Philosoph und Wissenschaftstheoretiker in den Vierzigern, der zur Opposition aufrief. Mit geistessprühender Redekunst widersetzte er sich dem herrschenden Duckmäusertum einer Gesellschaft, in der ein deutscher Kanzler deutsche Dichter "Pinscher" schimpfte und ein deutscher Außenminister Bert Brecht mit dem Nazischergen Horst Wessel verglich. 1955 gründete Bense mit seiner Assistentin Elisabeth Walther und dem Maler Klaus J. Fischer die Zeitschrift augenblick, in der sich rasch Gleichgesinnte zusammenfanden, mit theoretischen Artikeln und poetischen Textbeispielen ihren Beitrag gegen das "neue deutsche Nivellement" zu leisten, das sich vor allem in den "artistischen Regressionen" breit machte.
Max Benses Werk, seine theoretischen wie poetischen Schriften, ist aus kritischen Beschäftigungen mit Descartes und Leibniz, Gottfried Benn und Ernst Jünger und prüfenden Auseinandersetzungen mit naturwissenschaftlichen und literarischen Problemen der Nachkriegsjahrzehnte hervorgegangen. Es ist von außergewöhnlicher Vielfalt der Themen und bewundernswertem Reichtum der Gedanken. Als Schriftsteller bin ich außerstande, Benses Beitrag zur Wissenschaftslehre zu beschreiben, kann weder die Bedeutung seiner Philosophie der Mathematik noch seiner Theorie der Semiotik beurteilen, doch seine Ästhetik, auf die exakt definierte Grundlage der Zahl gestellt, ist mir wohlvertraut. Indem sie junge Schriftsteller zu sprachlichen Experimenten anregte, brachte sie in einem fruchtbaren Jahrzehnt die besondere literarische Erscheinungsart der "konkreten Poesie" hervor.
In seinem Bestreben, nicht nur naturwissenschaftliche Experimente, sondern auch poetische Versuche auf mathematische Prinzipien und Modelle zurückzuführen, hat Bense zahlreichen Literaten meiner Generation aus einem Dilemma ihrer gesellschaftlich bedingten Herkunft verholfen. Verdorben von Feierlichkeit und Pathos der nationalsozialistischen Blut-und-Boden- und Parteiliteratur, strebten kaum Dreißigjährige in Benses Sprachlaboratorium.
In geplanten Kombinationsspielen, unbekümmert um die Tatsache, dass es auch eine Ideologie der Zahl gibt, attackierten sie Schwulst und Tiefsinn der Metaphorik. Arno Schmidt und Helmut Heißenbüttel, Eugen Gomringer und Reinhard Döhl, am Anfang Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser, später auch Jürgen Becker und Dieter Wellershoff lauschten der Geheimformel Benses, gemixt aus Fremdwörtern, Computerzeichen, mathematischen Formeln und Gleichungen. "Innovation" war das Wort der Stunde. Es kam darauf an, das Neue zu sehen, das noch nicht Dagewesene zu schaffen. Dieses als Sprache - objektiv, konkret - Geschaffene wurde von Bense "Text" genannt: Der Begriff "Text" wurde, wie "Innovation", zu einem der Schlagwörter jener Zeit. An die Stelle einer konventionalistischen Pseudoästhetik der Qualität, die an den Wertmetaphysiken des 19. Jahrhunderts orientiert war, hatte sich Max Benses Galileische Zahlenästhetik gesetzt: Das Gedicht habe Poesie, die als solche feststellbar sein müsse, nicht Erkenntnis oder Moral zu entwickeln.
Dichter oder Denker, Dichter und Denker: Im dialektischen Begriffsspiel operiert Bense lebenslang als cartesianischer Methodiker. Erst kurz vor seinem Tod gab der Achtzigjährige ausdrücklich zu erkennen, in welcher Rolle er gesehen und gedeutet werden möchte. Mit dem Satz "Ich dichte, also denke ich" geht er Descartes' These "Ich denke, also bin ich" durch besondere Betonung des Schöpferischen einen Schritt zurück, sodass sich der Dreisatz ergibt: Ich dichte, also denke, also bin ich. Max Bense war ein Dichter, wie seine Bedeutung als Philosoph und Wissenschaftstheoretiker auch immer eingeschätzt und beurteilt werden mag. Dies bestätigen seine poetisch formulierten Lebenseinsichten in der von Elisabeth Walther edierten Ausgabe seiner Ausgewählten Schriften, bei J. B. Metzler erschienen, aufs sinnfälligste. Die theoretischen Anstrengungen, die Grundlagenkrise in der Mathematik durch Einführung neuer, geplanter, im Grunde genommen erfinderischer Ideen und Techniken zu überwinden, münden konsequent in den Experimenten der poetischen Texte des vierten und letzten Bandes.
Benses Ansteuern des reinen Kunstprinzips war vorbereitet und auch schon vorformuliert in zahlreichen Äußerungen und Veröffentlichungen. Schon 1955, im ersten Heft des augenblicks, antwortet er auf einen Artikel von Francis Ponge über Giacomettis Szeptermenschen: Er spricht vom Geheimnis jener "Art von Schöpfung, die als Flucht beginnt und als Spiel endigt, Metaphysik treiben möchte, aber Kunst hervorbringt", und fragt: "Haben nicht auch Sie, Francis Ponge, die Anstrengung des Begriffs durch ein Vergnügen am Begriff ersetzt?" Und über Harry Kramers kunstvolle Maschinen aus Draht schreibt er in einem Heft der von ihm herausgegebenen Reihe rot: "Jede Maschine, in die man nur eingeben kann, die gleichsam alles bei sich behält, nichts herausläßt, korrumpiert die Arbeitswelt, bedeutet wie jeder Leerlauf einen Gegenzug zur Industrie, treibt die Kategorie des Nutzens in den Schatten zurück, vernichtet die Gewinne, die Mehrwerte, die Ausbeutung, das Unrecht der Gesellschaft, den Ekel und stellt mit einem zärtlichen Zug zur A narchie eine Beziehung zum Schöpferischen, zur Kunstwelt her."
Dieses ständige Bestreben, Metaphysik treiben zu wollen, dabei aber Kunst hervorzubringen, dieses unaufhaltsame Bezugnehmen auf das Schöpferische, charakterisiert Max Benses Lebensthema. "Er will ... der Sprache alles abringen, was sie zu bieten hat, den Klangreiz des Wörtermaterials, die rhythmische Kraft der Wortkombinationen bzw. Wortfolgen, die optische Prägnanz von Wortkonstellationen, aber eben auch das Vexierspiel mit den Bedeutungen, deren Träger nun einmal die Wörter sind und die den Umgang mit ihnen so lustvoll machen", schreibt Friederike Roth, eines der jüngsten Mitglieder der Stuttgarter Schule, in ihrer Einleitung des Poesiebandes und umspielt in epikuräischer Genussfreudigkeit die Sprachregelung des Lehrmeisters mit den bekannten Vokabeln.
- Datum 14.10.1999 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 42/1999
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF




...also denke ich.
Aber denke ich auch richtig?
Der Autor offenbar nicht.
Denn dem bekannten Syllogismus des mathematisch denkenden Descartes zufolge kann das Denken grundsätzlich nicht aus dem Dichten hergeleitet werden.
Vorausgesetzt, die Definition des Denkens
ist nicht schöngeistig-beliebig aus der dichterischen Luft gegriffen...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren