Max Bense Ich dichte, also denke ichSeite 2/2

Metaphysische Fäden spinnen sich ins Sinnliche

Der Leser findet unter den poetischen Texten Benses den außergewöhnlichen Entwurf einer Rheinlandschaft (1962) mit methodisch kalkulierten, aber auch pantagruelisch ins Wort gesetzten Stadt- und Naturbeschreibungen, den fulminanten Monolog der Terry Jo im Mercey Hospital (1963), der sich, später im Hörspiel ausgebaut, zur Geschichte der Bewusstwerdung eines traumatisierten, stummen Mädchens entwickelt - er findet experimentelle Texte, die präzisen Vergnügen (1964) und nur glas ist wie glas (1970 ), schließlich seine Gedichtbände der achtziger Jahre, in denen er, zuweilen auf den Reim zurückgreifend, metaphysische Fäden ins Sinnliche spinnt.

Beim Wiederlesen dieser poetischen Texte aus dreißig Jahren offenbart sich eine Neigung, die Max Bense aus Begründungen seiner Texttheorie immerfort bei sich selbst, aber auch bei Autoren seiner Stuttgarter Schule zu unterdrücken versucht hat: seinen unstillbaren Hang zum Erzählen. "Natürlich weiß ich selbst, daß meine Narration auch meine Aberration ist", schreibt er in seinem letzten Text, Der Mann, an den ich denke. Er betont, dass sein Erzählen auch sein Abweichen ist, nicht nur im Schreiben, auch im Leben - und umgekehrt, und fährt fort: "Denn meine Beobachtungen sind genauso verworren oder widerspruchsvoll wie die Erfahrungen oder die Veränderungen, die mich erreichen und die ich wahrnehme. Ich habe es stets nur mit Resten, Spuren und Rändern, mit schwingenden kalten Lichtern in der Dunkelheit oder mit launischen Schatten der Helligkeit zu tun."

An dieser Stelle kommt Bense in die Nähe von Montaigne, der sich "durch den Wind der Zufälle bewegt", mal hier und mal dort den Dingen und Erscheinungen gegenübersieht und, "die Beständigkeit ... als eine schwächer geschwungene Schaukel" beschreibend, zu der Erkenntnis kommt, angesichts dieser Lebensumstände nicht zu argumentieren, sondern zu erzählen. Hier ist er weit entfernt vom zuverlässigen Hort der Zahl. Schutzlos setzt er sich dem Erzählen aus, das ihm aber die ersehnte Sicherheit gibt. Im Erzählen rettet er sein Leben, das nicht wiederholbar ist und seine unvermeidliche Geschichte hat. "Um noch ein letztes Mal in Benses Formulierung zu schlüpfen", resümiert Friederike Roth, "der ,Text erzählt Wörter', aber dennoch und wie auch immer ,erzählt der Text auch eine Geschichte'."

Max Bense: Ausgewählte Schriften
Herausgegeben von Elisabeth Walther
Band 1: Philosophie, eingeleitet von Elisabeth Walther, XL + 419 S.
Band 2: Philosophie der Mathematik, Natur- wissenschaft und Technik, mit einem Vorwort von Elisabeth Emter, XXIV + 486 S.
Band 3: Ästhetik und Texttheorie, mit einem Vorwort von Helmut Kreuzer, XXX + 469 S.
Band 4: Poetische Texte, mit einem Vorwort von Friederike Roth
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart

 
Leser-Kommentare
  1. ...also denke ich.

    Aber denke ich auch richtig?

    Der Autor offenbar nicht.

    Denn dem bekannten Syllogismus des mathematisch denkenden Descartes zufolge kann das Denken grundsätzlich nicht aus dem Dichten hergeleitet werden.

    Vorausgesetzt, die Definition des Denkens
    ist nicht schöngeistig-beliebig aus der dichterischen Luft gegriffen...

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