Ein Internet-Märchen
Die Erfolgsstory des Online-Auktionshauses Alando
Pantoffeln machten den Anfang. Oliver (28), Marc (27) und Alexander Samwer (24) wollten unbedingt gemeinsam ein Unternehmen gründen, das stand für die Brüder schon früh fest. Die erste Geschäftsidee, die sie in die Tat umsetzten, kam ihnen während eines Aufenthalts in Südamerika: Sie gründeten eine Pantoffelhandelsfirma. Produziert in Bolivien, verkauft in Chile, waren die Schlappen ein gutes Geschäft. Der Partner von damals betreibt es heute alleine, denn die Samwer-Brüder haben ein noch besseres Geschäft entdeckt. Zusammen mit ihren Freunden Jörg Rheinboldt (27), Karel Dörner (25) und Max Finger (30) wurden sie zur erfolgreichsten Boy-Group Deutschlands. Nicht eine CD machte sie millionenschwer, sondern die Einrichtung des Internet-Auktionshauses Alando.
Jedermann kann unter www.alando.de seine Comic- oder Kaffeesahnedeckel-Sammlung, Computer, Videorecorder oder Barbie-Puppen anbieten und an den Meistbietenden verkaufen. Auch einen Ferrari-Oldtimer, eine Jacke von Michael Jackson, einen Cartier-BH von Madonna und einen Brief von Friedrich Schiller hatte Alando schon im Angebot. Alando war zwar längst nicht das erste Auktionshaus im Internet - doch kein anderes wurde so konsequent nach vorne gepuscht. Im März dieses Jahres online gegangen, wurde es bereits drei Monate später vom großen Vorbild, der 1995 in den USA gegründeten Firma eBay, im Rahmen eines Aktientausches übernommen.
Die Biografien der Gründer überzeugten die Finanziers
Der Erfolg von Alando kam nicht von ungefähr. Die Biografien der Gründer wimmeln nur so von Nuller-Abis (0,66 oder 0,8 als Abiturnote), Abschlüssen an Elite-Universitäten wie Oxford, Fremdsprachenkenntnissen bis ins Chinesische und Russische, Consultant-, Projektmanager- und Geschäftsführerkarrieren aus der Marketing- und Finanzwelt. Mit solch einem Hintergrund konnten die sechs bei der Suche nach Finanziers selbstbewusst auftreten. Und das immer unter Wahrung einer beneidenswerten Natürlichkeit - jeder Samwer für sich ist schon ein nice guy, zusammen sind Samwer & Friends unwiderstehlich. Binnen kurzem hatten sie zwölf business angels als Finanziers gewonnen, vor allem aber die Firma Wellington Partners als Risikokapitalgeber, die zwischen 10 und 30 Millionen Mark gegeben hat. Genauere Zahlen verrät Samwer nicht.
So unprätentios wie die Samwer-Brüder ist auch die Berliner Alando-Zentrale. Ihr Eingang liegt im Hinterhof, neben einem Tapetenmarkt. Durch die schwere Eisentür im dritten Stock dringen das Geklapper von Computertasten und die Stimmen der 20 Mitarbeiter, inklusive der sechs Gründer. Die ständige Geräuschkulisse steigert die Motivation, sagt Samwer. "Unternehmenskultur made in USA." Dazu gehören auch der Fahrradparkplatz und die Tischtennisplatte im Eingangsbereich. Jeder der sechs Gründer hat einen festen Aufgabenbereich; Sekretärinnen, Vorzimmer und Chefsessel gibt es nicht.
Tatsächlich haben sich die Alando-Gründer vergangenes Jahr in den USA umgesehen. Im Silicon Valley arbeiteten sie bei Computer- und Softwarefirmen. Die Zusammenballung von Ideen- und Geldgebern auf kleinem Raum hat sie beeindruckt: "So etwas fehlt in Deutschland." Jetzt versuchen sie, in Berlin einen Kreis aus Firmengründern und Kapitalgebern aufzubauen.
Mit der Idee, eine Auktionsplattform nach dem Vorbild von eBay aufzumachen, ging es Ende Januar zurück nach Deutschland. "Wir sind dann fünf Wochen wie die Bescheuerten durchs Land gefahren, haben jede zweite Nacht im Zug verbracht." Denn die Zeit drängte: Anfang März sollte Alando bereits online gehen. Computer, Software, Kapital, Werbung, Büro, AG-Gründung - alles musste parallel organisiert werden.
- Datum 21.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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