Mit zunehmendem Alter und, so hofft man, gesteigertem Kunst- und Leseverstand könnte auch die Einsicht wachsen, dass nicht jeder Leser zuständig ist für jeden Autor und alle Bücher, schon gar nicht urteilend. So habe ich versucht, auf die gedruckten Begeisterungen für Arnold Stadler, nachdem eigene kurze, ungläubig abgebrochene Leseversuche gescheitert waren, mit Geduld und Gelassenheit zu reagieren.

Diese Glücks- und Bewunderungsrufe, die Bekenntnisschreiben, die Stadlers Werk begleiteten - so Martin Walser 1994: "Das ist ein Ton. Aufrufend, anrufend" und 1999: "Selbstbezichtigungsvirtuosität ... die Urverfassung des Sprachmenschen" -, sie wollten mit meinen eher mürrischen Leseproben nicht übereinstimmen. Ich hielt sie für ein weiteres Symptom jener alemannisch-oberschwäbisch-bodenseehaften, bis ins Vorarlbergische und Helvetische ausstrahlenden Literaturverschwörung von Regionalisten, die sich alle aufs innigste schätzen, loben und lieben und im anderen immer auch ein bisschen sich selbst.

Bis die Jury des Büchnerpreises dann Ernst machte. Dass der umtriebige Stadler selbst keineswegs nur Regionalliga spielen wollte, war mir schon klar. Dass man ihn aber in die Champions League kürte, schien mir eine Provokation - zur Nachhollektüre nämlich. Um herauszubekommen, wenn nicht einzusehen, warum ihm dieser immer noch höchste deutsche Literaturpreis zufiel - statt Braun oder Bichsel, Kronauer, Achternbusch, Hamburger oder Marcel Beyer, Raoul Schrott oder auch Ingo Schulze, die ihn genauso gut oder eher oder längst verdient hätten und dieses Jahr keine Chance hatten und vielleicht nie.

Aber wo anfangen mit der Selbst- und Stadler-Prüfung? Lieber nicht, das begriff ich schnell, mit seinem neuesten Roman Ein hinreißender Schrotthändler, jedenfalls nicht mit dessen Anfang. Wo ein Studienrat (frühpensioniert) zu erzählen beginnt von seiner Gattin Gabi (Handchirurgin), die sich im letzten Wahlherbst vergafft in Gerhard Schröder, sodass er, mit ihr beischlafend, auch an diesen denken muss, weil auch sie womöglich dabei an den denkt ... Schmucke Alleinunterhalterprosa, so schien mir, pfeilgrad ins hoffentlich kichernde Publikum hineingeplaudert, Lichtjahre entfernt von Büchner und auch irdisch weit von Stadlers Ruf, ein Großmelancholiker, ein Verzweiflungsartist zu sein. Aber die erste Lektion, dass nämlich dieser Autor sich oft erst warm laufen muss, dass er Untiefen (im doppelten Wortsinn) nicht scheut und pfeift auf Geschmack, Kunststrenge, durchgehaltenes Niveau, auf Form und Formalitäten - diese Einsicht wird dem Leser schon hier zugemutet.

Also besser anfangen mit Stadlers Anfängen? Etwa mit seiner ersten "erfundenen Autobiographie", dem 1989 erschienenen Ich war einmal? Möglich, aber die falsche Fährte. Sicher, hier findet ein Fünfunddreißigjähriger seinen "Stadler-Ton", wie Walser ihn rühmt, der sich von diesem "lakonischen Pathos" mächtig hat inspirieren lassen in seinem eigenen Kindheitsroman, wie ich nun erst entdecke. Aber Stadler wird nicht lange der Gefangene seines ersten Tons bleiben, nicht einmal der seiner frühen Erinnerungen und Verlustschmerzen.

Scharf sind die Bilder, kurz und hart die Sätze, in denen er seine verschollene Vergangenheit heraufruft in die "zweite Gegenwart" der Schrift und Sprache, diese fünfziger bis siebziger Jahre rund um Meßkirch, zwischen Donau und Bodensee, Stall, Kirche und Gymnasium, mit Heidegger, dem Seher aus Meßkirch, und dem Viehhändler Heidegger, zwischen erster Liebe und letzten Nazis. Alles aufgeschrieben in einem Heimatton, der sich zwar abhebt von anderen Regionalgesängen über Kindheiten in diesen Nachkriegsjahrzehnten - vor allem aus dem Westfälischen gibt es sie seit Weihrauch und Pumpernickel in Legion -, aber doch mit ihnen vergleichbar scheint und damit kaum ein Zugang zu Stadlers unverwechselbar eigener Erzählwelt.

Wer dort hineingeraten will, um dieses Talent oder Temperament Stadler zu schätzen, an ihm irre zu werden, es wiederzugewinnen, um abermals an ihm zu zweifeln oder zu verzweifeln, der sollte gegen alle Chronologik mittendrin beginnen in diesem krausen Werk. Dass Mein Hund, meine Sau, mein Leben (1994) als dritter Teil der Stadlerschen Autobiografie gilt und Der Tod und ich, wir zwei (1996) als freie Fiktion, wird dem unbefangenen Leser weder einleuchten noch ihn stören. Denn hier erzählt unüberhörbar einer immer nur von sich, wenn auch auf immer weiteren Umwegen, ein Selbstaufschreiber, Selbstaufschneider und Lebenserfinder in Personalunion. Scheinbar immer in Tuchfühlung mit Freund Walser, oft auch "naturgemäß" hinüberschielend zu Thomas Bernhard, zuweilen als Kumpel on the road mit Bruce Chatwin - doch der insgeheime Patron dieser authentischen Lügenprosa schien mir schließlich und unverhofft - Felix Krull.