Das Lied vom Untergang

Über Mike Davis, den Stadtsoziologen und Unheilspropheten von Los Angeles, und sein neues Buch "Ökologie der Angst"

Die Septemberzeitungen aus Südkalifornien melden das Übliche. In Long Beach ist ein 83-jähriger Imker von afrikanischen Killerbienen durch 50 Stiche getötet worden. In Westminster, Orange County, wurden zwei Restaurantgäste asiatischer Herkunft von Unbekannten krankenhausreif geschlagen. Nach einer Massenschlägerei an der Crenshaw Highschool, an der über 300 Schüler beteiligt waren, hat die Polizei vier "Rädelsführer" verhaftet. In Huntington Beach wurde der Pazifikstrand auf mehr als vier Kilometern Länge gesperrt, nachdem Hunderte unbenutzter Operationsnadeln angeschwemmt worden waren, zum Teil "in dicken Klumpen" (so ein Beobachter). Die Wildfeuer, die seit Ende August im San Bernardino County und weiter östlich in den San Jacinto Mountains über 3000 Hektar Busch- und Baumsteppe vernichtet hatten, sind zum Glück unter Kontrolle.

Die Leserschaft der Los Angeles Times streitet derweil über einen Artikel des L. A. County Supervisors Zev Yaroslavsky, der die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Los Angeles angeprangert hat. "Solange es einen Überschuss an billigen Arbeitskräften gibt, nimmt der Wert der Arbeit ab", schreibt Steve Evans aus Anaheim. Dave Fischer aus Irvine verweist auf die hohe Steuerlast der Besserverdienenden. "Wir sollten aufhören, die Armen als einen Vorwand zu benutzen, um auf die Reichen zu schimpfen." Leser Joseph Gius fordert dagegen eine radikale Umverteilung. "Vielleicht wird die Elite sich dann nur ein Haus leisten können und fünf Tage pro Woche arbeiten müssen. Aber jeder, der krank ist, wird die Möglichkeit haben, zum Arzt zu gehen."

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Mike Davis hat es zuletzt 13 Jahre hier ausgehalten. Als er im Juli an die Ostküste zog, um an der New York State University auf Long Island Urbanistik zu unterrichten, fiel Davis der Abschied leicht. "Lügner", "Nestbeschmutzer", "Paranoiker" und anderes mehr rief ihm ein Chor aus Journalisten, städtischen Beamten und aufrechten Bürgern der westlichen Villenvororte hinterher. Davis hatte es gewagt, den Mythos von der Boomtown L. A. in seinem Buch Ecology of Fear - das jetzt als Ökologie der Angst auf Deutsch erschienen ist - einem Härtetest zu unterziehen, und das Resultat war nicht so ausgefallen, wie der Volkskörper es sich wünschte. So schlug man den Boten, um die Botschaft zu unterdrücken. Doch die Nachricht war längst in der Welt und der Bote alsbald nicht mehr erreichbar. Nachdem er mit einem Teil des Geldes, das ihm ein Stipendium der MacArthur-Stiftung eingebracht hatte, sein vor der Zwangsversteigerung stehendes Haus in Pasadena ausgelöst hatte, packte Davis seine Koffer und ging.

Mike Davis ist alles andere als ein unparteiischer Sammler von Tatsachen

Als Mike Davis im Jahr 1990 seine erste L. A.-Studie City of Quartz veröffentlichte, war er den Angeleños noch willkommen. Damals stand Südkalifornien am Anfang einer Rezession, die mit den Spekulationsgewinnen der Reagan-Ära Tabula rasa machte. City of Quartz , eine Sozialgeschichte der Ciudad de Nuestra Señora La Reina de Los Angeles de Porciuncula von der spanischen Gründung bis zu den Bandenkriegen der achtziger Jahre, traf die pessimistische Grundstimmung jener Zeit, in der die Flugzeugindustrie ihre Werke am Pazifik dichtmachte, die Kapitalzuflüsse aus Ostasien versiegten und immer neue Wellen von Zuwanderern aus Lateinamerika auf die Arbeitslöhne drückten. Als sich dann noch Davis' dunkle Prognosen über die Zunahme der "kleinen Kriege" zwischen den Ethnien und das Heraufdämmern eines " Blade Runner- Szenarios" mit den Rassenunruhen vom Frühjahr 1992 zu bewahrheiten schienen, wurde der frisch gebackene Stadthistoriker in den Rang eines Propheten erhoben. An den Universitäten des Westens las man City of Quartz als ein Stück urbanistischer Offenbarung. Nur ein paar von Davis' Zunftkollegen wussten, wie falsch diese Lesart war, doch sie behielten ihre Wahrheiten für sich. Aus diesen verschwiegenen Entgegnungen ballte sich die publizistische Wolke zusammen, die sich schließlich in der Hasskampagne gegen den Nachfolgeband Ecology of Fear entlud.

Denn Mike Davis ist alles andere als ein unparteiischer Sammler von Tatsachen. Die simplen Storys, welche er über die von Großgrundbesitzern parzellierte, von Bodenspekulanten verschacherte und von Ölkonzernen ausgeplünderte Erde des Los Angeles Basin erzählt, sind immer auch ein Stück Ideologie. Für Davis ist die Geschichte der Ebene zwischen der Bucht von Santa Monica und den San-Gabriel-Bergen eine Folge von Klassen- und Rassenkämpfen unter tätiger Mithilfe von Naturkatastrophen aller Art. Dieser geologisch erweiterte marxistische Geschichtsbegriff verdichtet sich am Ende von Ökologie der Angst zu einem Sinnbild von makabrer Schönheit. Am Nachmittag des 30. April 1992, als im Süden von Los Angeles die Rassenunruhen ausbrechen, die später als Rodney King riot bekannt wurden, registriert die Infrarotkamera eines über Kalifornien kreisenden Wettersatelliten "eine außergewöhnlich große thermische Anomalie, die sich über mehr als 85 Quadratkilometer ausdehnt". Es ist die Pixelschrift der von wütenden Schwarzen und Latinos gelegten Brände, welche sich mit der Geschwindigkeit eines Buschfeuers westlich der South Central Avenue ausbreiten.

"Auf diese Weise wurde der Rodney-King-Aufstand, obwohl aus Zehntausenden einzelner Verzweiflungstaten bestehend, (...) als einheitliches geophysisches Phänomen wahrgenommen", bemerkt Davis, und man spürt die Genugtuung, mit der er diesen Schnappschuss jener Sammlung von Katastrophenbildern einverleibt, die er in Ökologie der Angst angelegt hat. "Hätten außerirdische Voyeure von einer geheimen Warte auf dem Mond oder von der Suburbia auf dem Mars aus die Erde betrachtet, wären sie sicher wie hypnotisiert gewesen von der außergewöhnlichen Entflammbarkeit der Stadt Los Angeles."

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