Aktenzeichen Houellebecq
Michel Houellebecq, Autor des gerade auf Deutsch erschienenen Romans Elementarteilchen, tourt durch Deutschland. In Frankfurt sahen wir seinen traurigen Nashornblick durch Bornheim schleifen, in Hamburg vernebelte er mit seinem blauen Dunst die Putten im überfüllten Literaturhaus am Schwanenwik, und in Berlin soll er gar den hauptstädtischen Nerv mit seinem gewaltigen Elementarteil direkt auf den - nun ja, sagen wir mal - Kopf getroffen haben. Entziehen kann sich dem französischen Dichter niemand. Denn, so berichtet die Frankfurter Allgemeine , "das Jahrhundert geht zu Ende. Und am Ende des Jahrhunderts ist mit Michel Houellebecq ein unscheinbarer Mann erschienen, der eine Bilanz gezogen hat, die grausamer nicht sein könnte."
Nun sind grausame Bilanzen ja das Mindeste, was man sich vom Ende dieses Jahrhunderts erwartet. Was aber bringt die Jugend dazu, diesen grausamer nicht sein könnenden Bilanzen in so großer Zahl zu lauschen? Handelt es sich um eine Gemeinde lesender Masochisten? Oder sind die jungen Literaturhausbesucher ähnlich wie die Houellebecqschen Helden schwer beschädigt worden durch eine berufstätige Mama und sozialdemokratische Sexualpraktiken? Erkennen sie sich wieder in diesen armseligen Romanexistenzen, die sich mit gleichgültiger Akkuratesse durchs Leben vögeln, denn es gibt ja sonst nichts?
Alles in allem eine kühne, eine übersichtliche These, die der von Houellebecq gerade im Spiegel erhobenen Behauptung, dass "so viele Menschen beim Sex nichts mehr empfinden", an schöner Schlichtheit in nichts nachsteht. Der französische Dichter, der behauptet, sich schon länger mit "der Lage des Sex in Europa" zu beschäftigen, und von dem bekannt ist, dass er in seiner Heimat erfolgreich so genannte Swinger-Clubs besucht und der es also wissen muss, lässt den Spiegel wissen, dass die Lage des Sex in Europa leider zu wünschen übrig lasse, in Kuba hingegen "viel besser" sei.
Das mentale Loch, aus dem solche Gewissheiten gekrochen kommen, ist, der Jahreszeit entsprechend, kein Sommerloch und sollte, da es sich bei dem Lochinhaber um einen französischen Autor handelt, mit Simone de Beauvoir als männliches Vakuum oder mit Lacan als schreibende Lücke, als Loch am, nun ja, sagen wir mal - Abgrund bezeichnet werden, wie es grausamer nicht klaffen könnte. Berlin jedenfalls, meldet die FAZ, treffen "Houellebecqs schmerzhafte Thesen nicht unvorbereitet". Und schon wieder hat es Swinging Berlin einfach nur "viel besser".
- Datum 28.10.1999 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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