Eines Abends fällt die Vorstellung aus. Die Assistentin tritt auf die Bühne, verkündet die traurige Nachricht und bittet das Publikum, noch ein wenig zu bleiben. Es ist der Auftritt ihres Lebens: Agrado im Scheinwerferlicht! "Ich bin sehr authentisch", bekennt sie und verrät die Preise: "Mandelförmige Augen, 80 000 Peseten. Silikon, 60 000 pro Liter. Brüste, je 70 000. War ein Sonderangebot." Die Zuschauer lachen. Dann sagt Agrado, eine Frau sei authentisch, wenn sie ihrem Traum von sich selbst ähnlich sehe.

Pedro Almodóvar hat eine Seifenoper gedreht. Ein screwball drama über die Kunst, sich selbst ähnlich zu sehen, und über die Verrenkungen, die man dafür anstellen muss. Auch falsche Tränen kaschieren nur wahre Gefühle. Wenn die Tragödie schon ihren Lauf nimmt, sollte man wenigstens eine halbwegs ansehnliche Figur dabei abgeben. Es sind die Frauen, die diese Kunst beherrschen; das weiß der spanische Regisseur seit seiner Kindheit in der Provinz von La Mancha. Ein Klischee? Aber ja! Also bitte noch eins, schließlich sind wir im Kino.

Alles über meine Mutter

Der Titel des Films entstand frei nach All about Eve von Joseph Mankiewicz. Doch diesmal wird keine Intrige gestrickt, mit der eine Diva eine andere verdrängt. Da ist nur Agrados bewegend-komischer Auftritt - und dazu ein Reigen von Frauen, denen das Schicksal die Gelegenheit bietet, die Rolle ihres Lebens zu spielen. Mütter und Töchter, Nonnen und Huren: lauter Stars wider Willen. Damit sie im rechten Moment vor den Vorhang treten können, jagt ein Drama das nächste.

Manuela (Cecilia Roth) verliert ihren Sohn bei einem Autounfall. Die beiden hatten sich im Theater Endstation Sehnsucht angesehen, mit Huma Rojo (Marisa Paredes) als Blanche Dubois. Was Manuela bisher nur zu Übungszwecken simulierte, als Koordinatorin für Organtransplantationen, wird nun bitterer Ernst. Die Ärzte handeln ihr das Herz von Esteban ab, während sie schreit, weil sie den Tod nicht begreift. Sie reist von Madrid nach Barcelona, um den Vater ihres Kindes zu suchen. Aber Esteban der Erste ist schwer zu finden. Wie Agrado trägt er zwei Brüste und nennt sich jetzt Lola. Auf dem Straßenstrich trifft Manuela alte Freunde, lernt Huma Rojo und ihr kapriziöses Theatervolk kennen und kümmert sich um Rosa (Penélope Cruz), eine schwangere Nonne. Rosa stirbt an Aids, Manuela hat wieder einen Sohn: Rosas Baby, Esteban den Dritten.

Eine abstruse Story? Mindestens. Die Häufung der Katastrophen, Heimsuchungen und Krankheiten ist so abgeschmackt wie Mobiliar und Tapeten in Manuelas provisorischer Bleibe, so exzentrisch, wie eine Telenovela nur sein kann, und so künstlich wie das unwiderstehlich schiefe Gesicht von Antonia San Juan als Agrado. Aber bei Almodóvar, dem Hohepriester des Trash, kippt der ganze faule Zauber um in eine zärtliche Huldigung. Alles über meine Mutter ist den Primadonnen gewidmet, die einst Primadonnen spielten: Bette Davis, Gena Rowlands und Romy Schneider.

Das Kino: eine Apparatemedizin. Schönheitschirurgie, falsche Organe, Maschinen, Chemie und Theater. Die Frauen vor der Kamera enthüllen das Wahre im Falschen, die Emotion hinter der Schminke. Manuela, Rosa, Huma Rojo und Agrado fragen nicht groß; sie tun, was zu tun ist. Sie springen ein, lernen schnell, versorgen und unterstützen einander, lügen, überreden, improvisieren. Sie verwandeln das Leben in ein Laientheater, vor und hinter den Spiegeln.

Zu guter Letzt, wie es sich für eine Seifenoper gehört, liegt man einander selig in den Armen - in der Künstlergarderobe. Die Kinder sind gewachsen, die Haare auch, und Huma Rojo zupft ihre Perücke zurecht. Endstation Sehnsucht, doch das Leben geht weiter. Das Publikum wird gebeten, noch ein wenig zu bleiben.