Die Namensgeber
Eine Online-Firma will den Adressendschungel im Internet lichten
Es ist noch nicht allzu lange her, da gaben Verbraucher Personalcomputern noch umständliche Befehle ein, um sie zum Denken zu bewegen. Erst Maus und grafische Benutzeroberfläche machten die Kleinrechner halbwegs bedienungsfreundlich.
Das Internet steht vielleicht vor einem ähnlichen Wandel. Wer heute eine Web-Seite aufrufen will, muss oft eine lange Netzadresse mit vielen Punkten und Schrägstrichen eintippen. Jetzt will RealNames, ein Unternehmen aus dem Silicon Valley, die so genannten uniform resource locators (URLs) durch richtige Namen ersetzen - und, genauso wichtig, den knappen Adressvorrat des Netzes vergrößern.
Dabei ist RealNames-Gründer Keith Teare nicht der typische kalifornische Entrepreneur, der es mit 25 Jahren schon geschafft haben will. Ganz im Gegenteil: In diesem Alter gründete Teare in London die Arbeiterorganisation Workers Against Racism und veröffentlichte ein Buch gegen die schlechte Behandlung von Immigranten in Großbritannien - unter Pseudonym, damit ihm die National Front nicht zu Leibe rückte. "Mich haben immer schon Dinge fasziniert, die das Verhalten von Menschen ändern - gerade auch Technologie", erklärt Teare den Wandel vom Politaktivisten zum High-Tech-Kapitalisten. Dass es ihm inzwischen eher ums Geld geht, bestreitet der heute 44-Jährige allerdings nicht. Alles andere wäre unglaubwürdig; der Börsengang wird Teare wohl zum Multimillionär machen.
Die Idee für sein Unternehmen hatte er schon 1995 als Mitarbeiter des britischen Internet-Anbieters Easynet. Damals fiel ihm auf, dass die Online-Adressen des französischen Minitel-Netzes viel einprägsamer waren als die komplizierten URLs: "3615 LeMonde" statt "http://www.lemonde.fr" lautet etwa die Minitel-Anschrift der Tageszeitung. Warum sollen nicht auch Web-Surfer richtige Wörter in ihren Browser eingeben können, fragte sich Teare.
Genau diesen Dienst bietet RealNames jetzt an. Nutzer des Internet Explorer tippen einen Namen in die Befehlszeile ihres Browsers, der das Wort oder die Wörter an die Netzcomputer des Unternehmens weiterreicht. Diese schlagen dann in einem elektronischen Adressbuch nach, finden dort die passende URL und verbinden Surfer automatisch mit dem betreffenden Web-Dienst. Stehen mehrere zur Auswahl, schicken die Rechner eine Liste mit möglichen Anschriften zurück.
Inzwischen hat Teare seine Idee verfeinert und gewissermaßen nationale Grenzen durch die Netzwelt gezogen. Seine Rechner berücksichtigen bei ihren Verbindungen, auf welche Sprache ein Browser eingestellt ist. Ein deutscher Surfer wird daher unter Umständen an einen anderen Web-Dienst durchgeschaltet als ein amerikanischer. So können sich mehrere Netzangebote einen Namen teilen - was im herkömmlichen Adresssystem des Internet nicht möglich ist.
Aber es geht Teare nicht mehr allein darum, den Nutzern das Leben leichter zu machen. Auch Unternehmen können sich bei seiner Firma prefixes reservieren - und damit werben: Wer beispielsweise "ebay" und "cameras" in den Browser tippt, wird automatisch mit der Seite verbunden, welche die laufenden Versteigerungen von Kameras in dem größten Auktionshaus des Netzes auflistet. Genauso könnten deutsche Netzbürger einmal "ZEIT" und den Namen einer Autorin eingeben, um damit eine Liste ihrer Artikel auf den Bildschirm zu holen.
- Datum 28.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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