Das 20. Jahrhundert wird wohl als das Jahrhundert der Verzweiflung in die Literaturgeschichte eingehen. Die Schriftsteller rannten um eine ganze Palette von Ideen wie beispielsweise den Tod Gottes oder den Untergang des Abendlandes, durch politischen Zynismus, Kriege und ideologische Utopien. Die besten nahmen an diesem Wettlauf teil: der stark kurzsichtige Joyce, der eulenäugige Kafka, der Faschist Céline, der Antifaschist Thomas Mann, eine Reihe von hysterischen Russen, der überdrehte Henry Miller, der betont schmutzige Bukowski, der blinde Borges - man kann gar nicht alle aufzählen. Das hat den Leser natürlich verdorben. Man durfte ihm nur noch "Schwarz auf Schwarz" servieren, andere Quadrate erkannte er nicht mehr an. Schließlich kotzten alle nur noch eine schwarze Masse, und das nannte man das Ende der Literatur.

Auf diesen schwarzen Hintergrund setzte Vladimir Nabokov in Sperma seine Unterschrift. Sein bester Roman Lolita hinterließ eine Schleimspur des Skandals, ähnlich wie Flauberts Madame Bovary. Den Skandal entkorkte Nabokov für eine breite Leserschaft. Hätte es keinen Skandal gegeben, würde Nabokov möglicherweise bis heute lediglich von einem Grüppchen von Kennern degustiert. Der Mechanismus literarischen Erfolgs wird nicht so sehr in Buchverlagen als vielmehr im Himmel in Gang gesetzt. Nabokov strebte in den Kreis der Auserwählten und fand dann, wenn auch verdientermaßen, auf ziemlich plumpe Weise Einlass: durch die Tür der Kinderpornografie, deren er sogleich nach Erscheinen der englischsprachigen Fassung des Buches bezichtigt wurde, das im noch puritanischen Jahr 1955 in Paris und den USA insgesamt viermal abgelehnt worden war.

Er machte sich in vollem Maße die bitteren Früchte der Russischen Revolution zunutze. Dieser junge Herr, der aus dem paradiesischen Adelsnest in die Emigration von Berlin-Paris-Amerika gefallen war, führte in seinen Büchern das Thema der Vertreibung nicht als nationale Katastrophe auf, wie es fast alle seine Landsleute auf stupide Weise taten, sondern als existenzielles Drama, womit er wiederum den Nerv des Jahrhunderts traf. Lange suchte er nach der Formel für einen radikalen ästhetischen Nonkonformismus, unzufrieden mit allem, was er ringsum sah. Fürs Alleinsein im Leben wählte er das Schmetterlingsnetz, für das in der Literatur ein vulgäres Nymphchen. Sie alle mögen vollbusige, dickärschige so genannte schöne Frauen, und ich mag eine kriminell junge Fotze! - so lautete die Devise der Liebesgeschichte in Lolita, deren Fortsetzung man nur in der Gefängniszelle suchen kann.

Die erotische Verbindung des reifen Spermosaurus kosmopolitischen Typs Humbert Humbert zu Lolita erhält die Bedeutung einer weitreichenden, vielschichtigen Metapher, die den Roman erfasst wie ein Feuer lodernder Holzscheite im Kamin. Hier gibt es die Sehnsucht nach den juvenilen Quellen der im 20. Jahrhundert abgenutzten Kultur, nach den Zeiten Dantes und Petrarcas, welche im Roman in Form von Verehrern der von ihnen besungenen Nymphchen vorkommen. Hier gibt es außerdem die sehr viel offensichtlichere Konfrontation des europahaften H. H. und des jungen Amerika vor dem Hintergrund eines vom Rauschen der Abflussrohre erfüllten Motelzimmers.

Und hier gibt es schließlich das Eingeständnis des fünfzigjährigen Autors, wie niederträchtig doch die Zeit arbeitet, deren Flüchtigkeit die zwölfjährige Schülerin unerbittlich altern lässt und in eine banale Schönheit verwandelt. In jedem Fall haben H. H. und Lolita keine andere Zukunft als die Katastrophe.

Das Wichtigste jedoch an Lolita ist die Metapher der Erschöpfung und des Verfalls der Liebe, der Abschluss also des Hauptthemas im europäischen Roman. Anders gesagt, dies ist ein Roman über den Verfall des Romans. Als einzige Oase der Liebe in dieser Welt erweist sich eine kleine Liebhaberin von Sonntagsheftchen mit zartem Flaum auf der Aprikosenscham, eine frühreife Jägerin nach billigen Vergnügungen, die letzten Endes den pathetischen H. H. verlässt und mit dem kitschigen Modedramatiker Quilty durchbrennt.

Wie armselig auch immer das Bild des irdischen Paradieses in Lolita sein mag, es stößt den Nabokovschen Helden ab und macht aus dem perversen Ästheten einen tragischen Idioten, den keiner liebt. Die Szene des Mordes an Quilty in der geschmacklosen Dekoration seines amerikanischen Hauses durch den vor Eifersucht wild gewordenen H. H. wurde zur Vorlage und zum Kanon aller folgenden postmodernen Horrorszenen, in denen sich Blut und Humor, Tod, Säufergejammer und Sentenzen über den Sinn des Lebens vermischen.