Der Roman (42)
Schlimme Nachrichten für Edgar
Übertrumpfen ist alles! Gelenkig sein ist alles! Der richtige Mann sein. Aber wofür? Edgar mochte mich von Anfang an nicht, weil ich seine Devisen nicht guthieß. »Steinbühler, ich mag Sie nicht.« Er sagte es direkt und in hundert verdeckten Angriffen. Es ist ziemlich lange her. Er fühlte sich durchschaut. Er war labil und hochneurotisch. Seine Abneigung gegen mich drückte er in kindischen Anarchismen aus. Allerdings: Anarchie? Was ist das? Doch offensichtlich nicht das, was sich unterhalb des obersten Hosenknopfs abspielt? Ist ja gut. Sehr schön herumgeschweint - testikulare Pfläumchen als Crêpe aux Prunes, na, wer sagt's denn? Schlpp. Schschlpp!!! Jetzt sind wir aber wieder brav, weil sonst wird die Mama im Grab noch grantig. - Anarchisch sind wir nur, falls wir wissen, was das ist.
Ich jedenfalls bin immer der richtige Mann. Der, der's richtet. Ich greife zu, helfe. Ich habe Edgar in die Psychiatrie geschafft, sonst wäre er garantiert im Gefängnis gelandet. Als ich ihn mitten in einem Menschenauflauf fand, gestikulierte er und stammelte ununterbrochen ein Wort: Aërobic.
Da wurde er richtig wild und schrie und tobte: »Aërotik Aërotikaërotik!!!!« Dazwischen spuckte er jeden Passanten an wie ein ausgewachsenes Lama und juchzte: »Sperma! Sperma! Und es bewegt sich doch!«
Jemand hatte die Polizei gerufen. Er zielte mit seiner Spucke also auch auf die Polizisten, die darüber ziemlich aufgebracht waren.
Ich sagte ihnen, ich sei Steinbühler, Nervenarzt, Edgar sei total erschöpft von zu viel Aerobic (»Aërotik now!«, schrie Edgar dazwischen), das habe er psychisch wahrscheinlich nicht verkraftet. Ich verbürgte mich dafür, ihn höchstpersönlich in der Klinik abzuliefern.
»Hmmm, Eronautik!«, sagte der Polizist und schrieb es aufs Formular. »Nein, Aerobic!«, korrigierte ich, »Aërotik! Aërotik!« zeterte Edgar. - »Also was jetzt?«, sagte der Polizist.
»Aërotik!«, kreischte Edgar unbeirrt weiter, »Aërotikaërotik!!!« und spuckte wild um sich. Der Polizist gab seine Schreibarbeit auf, er brachte sich vor dem Gespuck in Sicherheit.
Ich versuchte, ihn zusammenzustauchen, aber meine Worte erreichten ihn nicht. Er war in einem Zustand hochinfantiler Erregtheit, geronnen in einem einzigen Wort, zu dem sein ganzes armes Leben zusammenzurrte: Aërotik. Er tat mir schon Leid. Der junge Mensch, dem alle Vernunft in die Testikel gefahren war und von dort entwichen.
Aber einzigartig war das nicht. Das kommt jeden Tag vor.
Gewundert hat es mich schon gar nicht.
Ein so junger Mensch zieht sich fünf Jahre in ein Haus voller alter Sirenen zurück! Lauscht Opern, als hätte er keine andere Zukunft als das Lauschen auf die kraftlosen Echos einer fernen Epoche, deren Ende ihre Protagonistinnen abwarteten, runzlige kleine Mädchen mit verklärter Erinnerung, manchmal munter, oft sehr müde, immer bis zum Rand gefüllt mit leuchtenden Momenten ihres fast vergangenen Lebens.
Am schlimmsten war Edgar danach. Er war wie die alten Leute, die leicht und gerne weinen, weil das Leben schon so weit von ihnen fort ist. Er troff vor Sentimentalität und Selbstmitleid, beweihräucherte sich, dass es peinlich war.
Aber das Allerschlimmste ist, dass er Jakob, seinen Sohn, anhimmelt wie eine höhere Erscheinung, damit er sich nicht eingestehen muss, dass dieser Apfel nicht weit vom Stamm gefallen ist. Wer den Jakob und seine großen Sprüche aus der direkten Leere seiner Hirnfaszikel einmal gehört hat, diese leeren Hirnsegel, die dann und wann eine geklonte Blase unverstandener Termini seines grad aktuellen philosophischen Oberhirten entlassen, der weiß, was die Stunde geschlagen hat - und Edgar leckt sich den Speichel der Bewunderung für dieses unreife Ungeheuer aus den Mundwinkeln. Er wird schon wissen, warum.
Das sieht jetzt so aus, als würde ich meine Patienten nicht lieben, was doch meine erste ärztliche Pflicht ist. Aber das stimmt nicht. Ich versuche nur zu verstehen. Das wird man ja noch dürfen als guter Arzt.
Woran Edgar krankt, ich muss es so derb sagen, ist einfach das Speichellecken, ein ewiges verbales Turnen am Reck der Unterwerfung, oder der Überhebung, je nachdem. Es wird aber auch wirklich dauernd an ihm herumkritisiert. Das hält niemand aus. Edgar ist halt sensibel. Er stammt ja von so sensiblen und geistreichen Eltern ab! Diese Wortgewalt! Gegen die hatte er nie eine Chance. Da macht sich ein Kind halt klein und bleibt es. Edgar will es ja nur jedem recht machen.
Plötzlich begann Edgar zu weinen. Er weiß schon alles, dachte ich. Ich war ziemlich erleichtert. Aber Edgar wusste nichts. »Ein bisschen Höflichkeit mir gegenüber bitte ich mir aus«, schluchzte er jetzt herzzerreißend, er war in dieser gefährlichen Stimmung, wo ständig alles sofort in sein Gegenteil umschlagen kann. Es ging ihm so schlecht, und ich musste ihm noch schlimmere Nachrichten bringen. Ich musste.
»Ach wo«, sagte Edgar. »Nur keine tragischen Gesten, bloß weil ich einmal heule. Mir ist danach.«
Also noch einmal von vorn. »Na, es kann schon ganz schön hart sein.«
»Mach dir nicht in die Hosen, weil du einen Mann weinen siehst«, konterte Edgar und schnitt mir den Weg ab, meine Botschaft loszuwerden. »Wo fahren wir denn eigentlich hin?«
»Deine Mutter, vermisst du die eigentlich?« lenkte ich ab.
»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte er. »Sie war eine großartige Spielerin, die wusste, worauf es beim Spielen ankommt. Das wissen nicht viele.«
»Und deine Exfrau?«
»Xenia?« sagte er und machte eine lange Pause. »Ist mir gleich.« Aber eine Nachzüglerträne rollte ihm aus dem Augenwinkel.
»Xenia hat einen Unfall gehabt«, fiel ich mit der Tür ins Haus.
»Was - passiert?«
»Ja, schon«, sagte ich und verwünschte Rosei, denn der war schuld an dem Unfall. Ich glaube sogar, dass er ihn vorsätzlich verursacht hat. Er selbst hatte, wenn überhaupt, ein paar Kratzer, aber Xenia, Jakob und Sandtner waren auf der Stelle tot. Und Rosei beging natürlich Fahrerflucht! So billig kommt der mir nicht davon! Aber momentan hat Edgar Vorrang.
Ich schwitzte schön langsam aus allen Poren.
»Waasss!?« drängte Edgar.
»Sie ist tot«, sagte ich. «Aber das ist noch nicht alles.«
»So red doch!«
»Sandtner war auch im Auto.«
»Und?«
»Und Jakob war bei ihnen.«
»Ja und -? Ist er verletzt?«
»Edgar -«, fing ich zögernd an und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
Da hatte er verstanden.
Er fing schallend an zu lachen. Er lachte und lachte, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen, und sein Gesicht verzog sich zu einer immer schrecklicheren Grimasse.
»Du Schleicher!« schrie er aufgebracht. »Du erbärmlicher elender nichtsnutziger missratener -«
Dann wurden seine Augen glasig. Er wurde ruhig und murmelte ein ums andere Mal: »Aërotik. Aërotik.« Er hatte sich wieder aus der Realität katapultiert.
Vielleicht war es besser so.
Ich brachte ihn in die Aufnahmestation, wo er willig mit dem Arzt im Untersuchungszimmer verschwand.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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