"Die These lautet, dass jede logisch stimmige Auffassung dessen, was Sprache ist und wie Sprache funktioniert, letztlich auf der Annahme einer Gegenwart Gottes beruhen muß." So eröffnet George Steiner seinen langen Essay Von realer Gegenwart (Hanser Verlag, München 1990), der weniger eine logische als eine literarische Beweisführung unternimmt. Mit demselben Satz hätte Robert Spaemann seinen kurzen Traktat Gottesbeweise nach Nietzsche einleiten können, der sich in einer Sammlung zu Ehren Dieter Henrichs findet. Hier aber wird keine literarische, hier wird eine logische Konstruktion versucht.

Ein Gottesbeweis nach Nietzsche - wie sollte das gelingen? Er kann nur, sagt Spaemann, als ein argumentum ad hominem vorgebracht werden. Man muss vom Menschen her argumentieren, gerade so, wie Nietzsche in seiner Religionskritik verfahren ist. Man muss zeigen, welche Stellung dem Gedanken an Gott im Verständnis des Menschen zukommt. Wenn wir uns als wahrheitsfähige, unserer selbst bewusste und einander verpflichtete Personen verstehen wollen, so lautet Spaemanns Argument, müssen wir die Annahme der Existenz Gottes machen. Denn sie allein sichert die Existenz einer unabhängig unserem Erkennen bestehenden Wirklichkeit. "Es bedarf der Wirklichkeit Gottes, um uns die Intelligibilität des Seins, also die Erfüllung dessen zu verbürgen, was wir meinen, wenn wir von ,Wahrheit' sprechen." Wollen wir unser Denken und Sprechen ernst nehmen, meint Spaemann, müssen wir uns als Kinder Gottes verstehen.

"We never really advance a step beyond ourselves" - auf diesem Satz von David Hume errichtet Spaemann das Gegenmodell zu seiner eigenen Überlegung. Er sieht die heutige Kultur in einem ungeheuren Narzissmus befangen, die auch das geistige Leben auf eine Verfolgung naturaler Antriebe reduziert. Die erkenntnistheoretische Folge sei eine totale Funktionalisierung des Wirklichen. Die wahre Welt reduziert sich hier auf die Welt, die uns etwas angeht, die zur Verfügung unserer Naturbeherrschung steht. Hier bietet allein die Zuflucht zum Absoluten Rettung, "weil der Gottesgedanke den Raum einer wahren Welt eröffnet, der größer ist als unser Bewußtseinsraum und der nicht als dessen Funktion gedacht werden kann".

Diese Rettung jedoch wäre profaner zu haben. Wir könnten uns mit anderen gar nicht verständigen ohne einen Bezug auf Objekte und Ereignisse, die nicht in der Verfügung unseres Denkens stehen. Nur weil es Objekte gibt, die ein von unserem Verhalten unabhängiges Verhalten zeigen, können wir uns im Denken und Sprechen für andere verständlich auf etwas beziehen. Zur verstehbaren Rede gehört, dass die Beteiligten wechselseitig den jeweiligen Gegenstand der Rede ausmachen können. Wären diese Gegenstände nichts weiter als Konstruktionen der jeweils Redenden (oder ihrer Sprachen), so gäbe es kein für die anderen erkennbares Worüber ihrer Rede. Spaemann fasst die Gedanken Gottes als den Bezugspunkt allen Denkens auf, wo es ausgereicht hätte, die Stellung von Gedanken zu der von ihnen erfassten Realität zu erläutern.

Dass es des syntaktischen und semantischen Arrangements einer natürlichen Sprache bedarf, um zu erkennen, wie etwas ist, untergräbt diesen Bezug auf eine äußere oder innere Wirklichkeit nicht. Denn wie immer die Konventionen einer Sprache ausfallen mögen, innerhalb ihrer Regeln ist ein Satz zutreffend oder unzutreffend, gemessen an der durch den Satz hervorgehobenen Beschaffenheit der Sachen, auf die er gemünzt ist. Wenn sich diese Regeln ändern, wie es häufig geschieht, lassen sich die alten Sätze auf eine wahrheiterhaltende Weise in neue übersetzen. Indem das Denken innerhalb seiner sprachlichen Artikulation über die Beschränkung auf bestimmte Sprecher, bestimmte Formulierungen und bestimmte Sprachen hinausreicht, reicht es in das Geschehen einer nicht von ihm gemachten Wirklichkeit hinein. Wo es ganz bei sich ist, ist es schon über sich hinaus. Mehr Transzendenz braucht es für einen Anspruch auf Wahrheit nicht. Spaemanns Argument ist nur schlüssig, wenn man es von seiner theologischen Ambition befreit.

Robert Spaemann:Gottesbeweise nach Nietzsche
In: Marcelo Stamm (Hrsg.): Philosophie in synthetischer Absicht
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1998; 627 S., 98,- DM