Ist das ein Mensch? So hieß das erste von Primo Levi in Deutschland veröffentlichte Buch. Die Aufmerksamkeit war, wie ich mich erinnere, nicht übermäßig groß. Das Thema behagte nicht so recht. Denn Levi berichtete über die Hölle, in der er selber gewesen war und die nun einen Namen trug: Auschwitz. Im Gegensatz zu anderen Berichten Überlebender macht Levis Buch, machen seine Bücher eine Ausnahme. Sie sind nicht nur stilistisch eindrucksvoll, weil dieser Mann ein Schriftsteller von hohen Graden gewesen ist, von einer bedeutenden sprachlichen Kraft, sondern weil seine Ausgangsposition eine gänzlich andere Basis als die anderer Geretteter besaß. Primo Levi war studierter Chemiker, ein wissenschaftlich gebildeter, analytischer Kopf, der seine Erfahrungen unter anderen als nur moralischen Gesichtspunkten protokollierte. Seine Biografie belegt den Zivilisationsbruch unseres Jahrhunderts auf besondere Weise.

Mit einer unerhörten und erschreckenden Akribie notiert Levi die Entmenschung der zum Tode verurteilten Juden Europas. Er selber gerät, fast durch Zufall, in die Ungeheuerlichkeit. Nachdem er sich in Italien einer Widerstandsgruppe, die von den Faschisten ausgehoben wird, angeschlossen hatte, erklärt er den Häschern, er sei nicht der Resistenzia wegen in die Berge gegangen, sondern weil er Jude sei. Damit, so meint er, habe er das kleinere Übel gewählt. Von Auschwitz wissen die italienischen Juden nichts, einem Ort irgendwo in der Ferne, der sich bald entpuppt, als was wir ihn kennen: die Stätte des unvorstellbarsten Massenmordes in der europäischen Geschichte. Levi hat "Glück" im Unglück. Er übersteht die Selektion, da er ein Fachmann ist, dessen Kenntnisse man verwerten kann. So gehört er zu den "Privilegierten", deren Sterben aufgeschoben wird.

Haben wir nicht durch die Vorgänge im Kosovo die Vergangenheit aufflackern sehen? Das Unheil lauert vor unserer Haustür, und noch halten wir uns für dagegen gefeit, bloß eine Garantie besitzen wir keineswegs.

Überleben ist Zufall, schreibt Levi. Eine eigene Leistung ist es keineswegs. Und wer überlebt hat, kann mitnichten aufatmen. Denn das Erlebte und Erlittene lässt sich nicht vergessen. Primo Levi ist diese Vergangenheit durch seine literarische "Erinnerungsarbeit" nie losgeworden. Die eintätowierte Nummer hat das Gedächtnis wie die Psyche stigmatisiert. Früher oder später erscheint dem Überlebenden sein Dasein, das Dasein überhaupt sinnlos. Die Schatten von gestern mehren sich, die Last des Gewesenen wird schwerer bis zur Unerträglichkeit. "Ich weiß auch, daß ich es immer gewußt habe", schrieb er rund 15 Jahre nach Auschwitz, im Dezember 1961, "ich bin wieder im Lager, nichts ist wirklich außer dem Lager, alles andere waren kurze Ferien oder Sinnestäuschung, Traum ..." Im Jahr 1986 nimmt sich Primo Levi das Leben.

Wer statt freundlicher Illusionen die Wahrheit über die Menschen zu ertragen vermag, der lese seine Bücher.

· Primo Levi:Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht; aus dem Italienischen von Heinz Riedt; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1992; 208 S., 14,90 DM