Unser Zeitalter hat so manchen klingenden Namen bekommen: Informations-, Kommunikations- oder Wissenszeitalter. Ganz falsch ist "Informationszeitalter" sicher nicht, versteht man unter Information nicht Informiertheit und zählt alles dazu, was an Schriften, Bildern, Klängen hervorgebracht wird, alle Äußerungen menschlichen Geistes und menschlicher Geistlosigkeit. Aber wenn wir mitten in einer beispiellosen Informationsexplosion leben, so gleichzeitig in einer Zeit des beispiellosen Informationsverfalls. Die Informationsära ist auch eine Informationsvernichtungsära.

Flöge hin und wieder ein Magnetbandarchiv in die Luft, ginge hin und wieder eine Bibliothek so dramatisch in Flammen auf wie im Jahre minus 47 die von Alexandria oder 1988 die von Leningrad (dort gingen über 700 000 Papyri verloren, hier über 400 000 Druckwerke), so wäre die Öffentlichkeit alarmiert, und Konservierung stünde ganz oben auf der kulturellen Prioritätenliste. Der tatsächliche tägliche Informationsverfall jedoch ist schleichend. Die Katastrophe vollzieht sich langsam und leise und fast unbemerkt. Die Medien, welche die Information beherbergen, sind wie Lebewesen: Jedes trägt seine vorgegebene Lebensdauer in sich, in jedem tickt die Uhr des Alterns, und solange es nur altert, tröstet man sich gern damit, dass es schon noch irgendwie hält. Am Ende aber steht unweigerlich der Tod, und niemand und nichts wird die gestorbene Information zurück ins Leben holen.

Die keilförmigen Schriftzeichen, die Sumerer vor 4500 Jahren mit einem Rohrgriffel in Tontafeln drückten, sind heute so perfekt wie am ersten Tag. Den ungegerbten, durch Spannen geglätteten Ziegen- und Schafhäuten, die vor 2200 Jahren als Schreibmaterial in Gebrauch kamen, hat der Zahn der Zeit ebenfalls wenig anhaben können: Jahrtausendealte Pergament-Codices sind immer noch lesbar. Auch das aus Lumpen gefertigte Hadernpapier, das im 15. Jahrhundert das Pergament ablöste, hat sich als erstaunlich dauerhaft erwiesen.

Nahezu alles jedoch, was seit der Umstellung auf maschinelle Papierproduktion in den vergangenen 150 Jahren geschrieben oder gedruckt wurde, steht auf saurem Papier - und das überdauert unter normalen Bedingungen nur 50 bis 80 Jahre. Trotzdem ist selbst saures Papier noch ein robuster Informationsträger im Vergleich zu den meisten anderen, die danach kamen.

Das einzige Medium, welches es mit Papier in puncto Langlebigkeit aufnehmen kann, ist die Fotografie. Sie ist es auch, die wenigstens die Inhalte vieler jener Bücher und Periodika retten wird, die selber verloren sind. Doch auch Fotografien bleichen unter Lichteinwirkung aus, wie jeder weiß: Die schwarzen Silberpartikel, die die Grautöne eines Schwarzweißfotos bilden, oxidieren und zerfallen, der "Grundschleier" des Fotos steigt, bis es nur noch ein einziger heller Schleier ist und kein Bild mehr. Heutigen Bromsilberfotopapieren wird immerhin eine Lebensdauer von 50 bis 100 Jahren zugebilligt. Farbfotos sind wesentlich kurzlebiger. Unter Lichteinwirkung verlieren die bei der Entwicklung gebildeten Pigmente rasch an Dichte, die Farben bleichen in unterschiedlichem Tempo aus, das Bild wird farbstichig und immer unschärfer, schließlich verblasst es ganz. Solche "chromogenen" Fotos und Filme haben im Hellen eine Lebensdauer von nur wenigen Jahren; im Dunkeln sollen sie immerhin bis zu 100 Jahre halten.

Die Art der Lagerung ist bei Fotos alles: Eine gleichmäßige Temperatur von minus 18 Grad, 30 Prozent Luftfeuchtigkeit und völliges Dunkel verlängern ihre Lebensspanne angeblich um das Tausendfache. So schlummern größere Mengen von Mikrofilmen aus deutschen Archiven heute im Schwarzwald, in einem stillgelegten Bergwerk bei Oberried, späteren Generationen entgegen.

Die Mikroverfilmung ist fast so alt wie die Fotografie selbst, und sie ist seit langem das probateste Mittel, wenn schon nicht Bücher und Akten selbst, so doch ihr Abbild zu konservieren. Zum einen ist sie, mit 50 Pfennig bis eine Mark pro Seite, relativ billig; zum andern beanspruchen die so genannten Mikroformen (Mikrofiches und -filme) nicht viel Magazinplatz. In den Vereinigten Staaten werden in einer nationalen Rettungsaktion zurzeit drei Millionen gefährdeter Bücher auf Mikroformen übertragen.