Mason & Dixon, Tag & Nacht

Der alte Hexenmeister Thomas Pynchon schenkt dem 18. Jahrhundert Gehör

Man befindet sich im Jahr 1761, in Kapstadt. Die beiden Engländer Charles Mason und Jeremiah Dixon, Astronom der eine, Landvermesser der andere, wurden von der Royal Academy aus London hierher, ans Ende der Welt, geschickt. Sie haben den Auftrag, den so genannten Venus-Durchgang zu beobachten, das Vorbeiziehen des Planeten an der Sonne. Von der Auswertung dieses seltenen Ereignisses verspricht sich die Wissenschaft Hilfe bei der Lösung eines im 18. Jahrhundert neuralgischen Problems, der Festlegung der Längengrade.

Mason und Dixon sind gastweise bei einer holländischen Familie untergebracht, deren fromme Fassade sie schnell als Attrappe eines vor Obszönität und Brutalität strotzenden Sklavenhalterdaseins fürchten lernen. Vor den Abendmahlzeiten versuchen sie sich nicht nur deshalb zu drücken, weil sie selbst bei Tisch den erotischen Zumutungen der Hausmutter und ihrer drei Früchtchen ausgesetzt sind, sondern auch, weil sie das fade holländische Essen nicht mehr sehen können. Sooft es geht, schleichen sie sich in der Dämmerung davon und suchen, "Näpfe und Besteck in ihren Mänteln versteckt", eine malaiische Garküche auf.

Eine Stunde vor dem Spiegel ist viel. In dieser Zeit macht eine Frau ein leuchtendes, zumindest betonendes Kunstwerk aus ihrem Gesicht. Bei Charles Mason ist es umgekehrt. Das Bild seines Gesichts vernebelt, verschwindet. Dabei böte Masons melancholische Selbstbetrachtung dem Romanautor eine gute Gelegenheit, auf die Physiognomie einer seiner Hauptfiguren, auf die Beschaffenheit von Mund, Nase, Augen genauer einzugehen. Er tut es nicht, eher das Gegenteil. Er kommt dem Vorstellungswunsch des Lesers zwar noch mit dem metaphorischen Adjektiv "erdmaushaft" entgegen. Aber die eigentliche Botschaft liegt in dem Substantiv "Unscheinbarkeit", was hier so viel heißt wie Unsichtbarkeit und eine Bildverweigerung ausdrückt. Auch in Dixons Erscheinung gibt es blinde Flecke. Bei den Stiefeln setzt die Schilderung auf hundertprozentige Genauigkeit. Aber welches Geheimnis mag Jeremiah Dixon am Hut herumtragen?

In dieser aus Präzision und Vakuum, aus Entwurf und Negation geht es fort in der pynchonesken Erzählpolitik, für deren Ergebnis Fiktion nicht ganz das richtige Wort zu sein scheint. Eher bieten sich die Begriffe "Phantom" und "Phantomrealismus" an.

Ungreifbar geistern die Helden durch den Raum

Phantomhaft wirkt der vor zwei Jahren in Amerika erschienene, nun ins Deutsche übersetzte Roman Mason & Dixon von Thomas Pynchon schon durch seine Unräumlichkeit. Um bei der Kapstädter Imbiss-Szenerie zu bleiben: Von der Straße, in der sie sich abspielt, heißt es nur, dass sie "dunkel", von dem "Küchenzelt", wo in der anschließenden Erzählpassage das Essen ausgegeben wird, nur, dass es "behelfsmäßig" ist. Von der Örtlichkeit an sich, von Häusern oder Gaststätten daneben oder gegenüber, von der ganzen Umgebung ist nichts zu sehen. Auskunfts- und überraschend detailfreudig wird die Erzählung erst dann, wenn sich ihr Blick auf Tisch und Herdplatte im Inneren des Küchenzeltes richtet, auf begrenzte, zweidimensionale Bildflächen also. Von geschältem Knoblauch, geschnitzeltem Gemüse, "entgrätetem und filetiertem Fisch" ist die Rede, von gesäuberten Garnelen, die der Koch "schmetterlingsförmig" aufschneidet. Aber seltsam abstrakt, irritierend ungreifbar geistert das alles, geistern Zelt, Gemüse, Mason und Dixon in einer luftleer wirkenden Sphäre. Ob man ihn mag oder nicht: Dem wohl postmodern zu nennenden Phantomrealismus, als dessen Alleininhaber Thomas Pynchon natürlich längst nicht mehr gilt, ist zugute zu halten, dass sich seine Ästhetik der Erfahrung der Virtualität, soweit es von der Literatur aus überhaupt möglich ist, entgegenstreckt.

Das Comicartige und die Zweidimensionalität von Pynchons Figuren und Bildern ist eine bekannte, wissenschaftlich und literaturkritisch ausgiebig erörterte Sache. In einem historischen, die Vergangenheit bis in Feinheiten der Rhetorik und der Dingwelt nachahmenden Roman, der in einer zwei Jahrhunderte zurückliegenden Zeit spielt, wirken die Verstörungsmethoden jedoch anders und verschattender; aus einem simplen Grund. Auch ohne den Zweiten Weltkrieg erlebt oder das kalifornische Hippietum - mit denen sich Pynchons Romane Die Enden der Parabel und Vineland beschäftigen - mitgemacht zu haben, verfügt der zeitgenössische Leser für die Milieus, Räume und Ereignisse dieser Epochen über ein assoziativ-bildliches Gespür der Fantasie. Das gilt für das 18. Jahrhundert und ein in diesem beheimatetes "behelfsmäßiges Küchenzelt" nicht unbedingt. Dabei ist Mason & Dixon , verglichen mit seinem gedanklichen Zwilling Die Enden der Parabel, dieser steinharten Nuss eines Romans, kinderleicht zu knacken. Mason & Dixon ist kompositorisch klar, ja, klassisch angelegt und narrativ regelrecht übersichtlich.

Der alte Hexenmeister war also wieder am Werk. Jedem Erscheinen seiner raren, dafür umso umfänglicheren Werke geht, wie dem Auftritt von Majestäten, ein Hofstaat aus Gerüchten, Aufregungen und Spekulationen voraus. Zum Atemanhalten spannend ist bei Thomas Pynchon nicht nur die Frage, wie das neue Werk ist, wie genial, wie verrätselt, wie postmodern, wie, wenn dies nebenbei zu bemerken erlaubt ist, lesbar und zugänglich, sondern wovon es handelt, welcher Stoff, welche Denkfigur in das Privileg kamen, auf Pynchons Schreibtisch Platz zu nehmen.

Thomas Pynchon ist es gelungen, den Bob-Dylan-Effekt ins literarische Leben zu transportieren. Das heißt, seine über Jahre auf die Folter gespannte Anhänger- und Glaubensgemeinde bejubelt jeden neuen Roman, egal mit welchen Schrägheiten und Zumutungen er aufwartet, schon deshalb, weil er ein Lebenszeichen des Meisters darstellt und die Fortführung des Werks bezeugt. Ein Gerücht wollte wissen, Pynchon arbeite an einem Werk über das Internet, ein anderes, er umkreise den authentischen Massenmörder Mason. Die Spekulation war falsch, aber sie enthielt einen Wink in die richtige Richtung. Das äußere Geschehen des Romans und seine beiden Protagonisten Charles Mason und Jeremiah Dixon sind historisch authentisch.

Vier Jahre lang, von 1763 bis 1767, waren der melancholisch sinnierende Astronom und sein dickfelliger, alkoholischen Getränken zugetaner Landvermesser damit beschäftigt, eine schnurgerade Grenze zwischen den US-Staaten Pennsylvania und Maryland festzulegen und als geografische Schneise in die natürliche Wildnis zu schlagen. Thomas Pynchon hätte, um von dem nie unaktuell gewordenen, bis in heutige Tage brenzligen Zusammenhang von Krieg, Ideologie und Grenzziehung und um von der Vorgeschichte des destruktiven 20. Jahrhunderts zu erzählen, kaum ein interessanteres Thema, kaum einen plausibleren Stoff finden können. Die Mason-Dixon-Linie genannte Grenze wurde zur Konfrontations- und Kampflinie des amerikanischen Bürgerkriegs. Sie trennte den Norden vom Süden, die Staaten, in denen es keine Sklaven, von denen, in denen es Sklaven gab.

Wie diffus Thomas Pynchon als Privatperson auch bleiben mag, als schriftstellerische Persönlichkeit macht sein jüngster Roman ihn sichtbarer denn je. Er verdeutlicht, dass es sich bei Pynchon weniger um den hyperbegabten, seine Schriften mit Quantentheorie et cetera fütternden amerikanischen Technikfreak handelt, für den ihn manche halten, denn um einen überragenden Kommentator der Dialektik der Aufklärung aus amerikanischer Sicht, dessen Passion sich darum dreht, die entscheidenden Schübe und Etappen der Vernunftgeschichte und ihrer Übersetzung in Technologiegeschichte herauszuarbeiten. Der Triumph der Naturwissenschaften und der Abstraktion des 18. Jahrhunderts, den es in Mason & Dixon gab, war ein solcher Schub, der Einsatz deutscher VWaffen im Zweiten Weltkrieg in den Enden der Parabel ein anderer.

Wie stark beide Romane verstrickt sind, beweisen schon ihre Anfangssätze. "Ein Heulen kommt über den Himmel" lautet der erste, berühmte Satz der Parabel. Es ist das Heulen, das dem Einschlag der Rakete Sekunden vorausgeht. In Mason & Dixon heißt es am Anfang: "Schneebälle haben ihre Bahn gezogen ..." Als Flugkörper stellen harmlose Schneebälle und vernichtende Raketen absolute Gegensätze dar, aber ihre Flugbahn ist dieselbe und erlaubt es, die Katastrophe aus der Harmlosigkeit abzuleiten.

Dreimal, ziemlich am Anfang, etwa in der Mitte und gegen Ende des Romans, rufen die Figuren sich und dem Leser die Romandevise ins Ohr: "Wir leben im Zeitalter der Vernunft!" Gleichzeitig tut der Roman so gut wie alles, um dies zu widerlegen. Er unternimmt zwar ausführliche Exkurse in Gebiete der Naturwissenschaften. Aber sein heimliches Reiseziel geht in die Gegenrichtung, ins Land der Wunder und Zeichen, der Spinner, Magier, der Verrückten und Quacksalber. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt, hier ist Pynchons immer zu Späßen und Blödeleien aufgelegte Fantasie ganz bei sich. Er lässt Uhren miteinander plaudern, den Sensenmann durch den Nebel laufen, Werwölfe und Masons verstorbene Ehefrau Rebekah aus dem Jenseits auftreten, die dem Witwer Trost spendet und Ratschläge erteilt. Ein überdimensionaler Käse macht sich auf zwei Beinen selbstständig, ein in Konservierungsmittel eingelegtes Ohr agiert als Medium. Wenn Mason und Dixon sich nach dem ersten Romandrittel nach Amerika aufmachen, kommen zu den fantastischen Phänomenen die Sektierer und religiösen Spinner, nicht zu vergessen Indianerspuk und amerikanischer Westernwahn. Der Roman führt buchstäblich ein Tag- und ein Nachtleben. In Letzterem wird exzessiv getrunken und gelegentlich gekifft.

Mason & Dixon ist ohne Weiteres als Respektserklärung an die Aufklärung und ihr Jahrhundert zu verstehen. Aber noch viel mehr und erzählerisch viel energischer ist der Roman eine große Abschiedsfeier für die Unvernunft, mit Pomp, munterem Unterhaltungsprogramm und Melancholie. Diese fällt vor allem der Figur Charles Mason zu. Oberflächlich betrachtet, ist es die Trauer um Rebekah, mit der er nicht fertig wird. Aber vermutlich trauert er um viel mehr. In der Morgendämmerung des Tages, an dem er mit Dixon seine erste, nach Kapstadt führende wissenschaftliche Reise antritt, nimmt er schweren Herzens von zwei Figuren Abschied, die ihm in dieser letzten Nacht Gesellschaft geleistet haben, der Wahrsagerin namens Hepsie und einem sprechenden Hund. Aberglaube und Partnerschaft mit der Natur, sie bleiben zurück, wenn die europäische Vernunft ihre zu Herrschaft führende Eroberungsreise um den Globus beginnt.

Im ersten, kürzeren Romankapitel fahren Mason und Dixon nach Kapstadt und von da aus auf die Insel St. Helena, zwei Orte, die Pynchon mit Bedacht und Intelligenz wählte beziehungsweise in der Geschichte fand, um auf die notorischen Schönheitsfehler Amerikas hinzuweisen (wo sich das zweite, doppelt so lange Kapitel abspielt). Denn wie Kapstadt als Topos rassistischer Politik gelten kann, steht die Insel, auf die Napoleon verbannt werden wird, in Verbindung mit der Geschichte des Imperialismus.

Weihnachten steht vor der Tür, draußen schneit es

Diese erzählerische Situation ist zugleich brillant, weil sie den Abstand des epischen Rückblicks auf die Vergangenheit etabliert, ihn aber von heute, von 200 auf 20 Jahre verkürzt, und sie ist parodistisch. Es wird ziemlich schnell klar, dass der als Zeuge und Tagebuchautor auftretende Pfarrer Dinge zum Besten gibt, die er genau genommen nicht gesehen und ge- hört haben kann. Pynchon vertraut seinen mit irrsinnigem Fleiß recherchierten und empi- risch anspruchsvollen Stoff einem heimlichen Märchenonkel an. Auch das, die Problematik erzählerischer Zuverlässigkeit, debattiert die Zuhörerrunde bei passender Gelegenheit. Sie beratschlagt, wie die Erzählung auf St. Helena weitergehen soll, da der Pfarrer die Insel nicht zu Gesicht bekam, sondern sich von Kapstadt aus nach Indien aufmachte. Ganz abgesehen von den vielen Unterhaltungen, die Mason und Dixon als zeugenlose Zwiegespräche führen. Virtuoser kann die literarische Spätmoderne in ihrer Dialektik aus Selbstüberbietung und Selbstdemontage wohl kaum sein.

Was bei diesem Roman neben großer Bewunderung zu großer Ermüdung führt, was sein Wesen ausmacht, ist die Tatsache, dass es sich um einen Konversationsroman der extremen Art handelt. Er ist ein einziges riesiges Palaver; ein über mehr als 1000 Seiten gehendes Prosastück, das schwergewichtig aus kunstvoll gefüllten Sprechblasen besteht, in dem geplaudert, gestritten, gescherzt, belehrt, berichtet, räsoniert und laut gedacht wird, in dem das Bild hinter der Akustik verschwindet. Der Hergang einer Seeschlacht zwischen Engländern und Franzosen erschließt sich erst, als Mason und Dixon sich in der anschließenden Nacht mit Schlafmützen auf dem Kopf im Gang vor ihren Kajüten treffen und das Scharmützel bereden und berätseln. Die Überfahrt von Europa nach Amerika fällt erzählerisch unter den Tisch beziehungsweise zwischen die zwei Romankapitel. Darauf, dass sie stattgefunden hat, bezieht sich der Bericht mit einer Aufzählung von Schiffsgeräuschen zu Beginn des zweiten Kapitels.

Die maßlose Geduld einer kulturhistorischen Beschwörung

So kehrt Mason & Dixon dem Schauspiel den Rücken und segelt mitsamt seinem herrlichen epischen Stoff ins traktathafte Hörspiel. Daraus ergeben sich die Stärke und die Schwäche des Buches. Seine Stärke ist sein in die Vergangenheit versetzender Ton (unter anderem das Ergebnis einer ungeheuren Übersetzungsleistung), seine Schwäche der durch Bild- und Handlungsarmut entstehende Mangel an Suggestivität und Bindungskraft, die ein 1000 Seiten dickes Buch wohl einfach braucht und die andere, wiewohl ungleich verwirrendere Romane von Thomas Pynchon auch besitzen. Als Mason & Dixon vor zwei Jahren in Amerika erschien, schrieb Friedrich Kittler in dieser Zeitung über den Roman: Es "geschieht, mit anderen Worten, fast nichts. Es gibt keine Paranoia wie in allen anderen Pynchon-Romanen und damit auch die leidenschaftliche Suche nach dem technischen oder politischen Geheimnis hinter der Romanhandlung nicht. Es gibt nur die maßlose Geduld einer kulturhistorischen Beschwörung ..."

Aber Pynchons große Geheimnisse verliehen seinen Romanen in der Regel das Klima und die Kraft einer beständigen Unruhe. Was ist hier eigentlich los? Um was geht es um Himmels willen? fragte sich der in Pynchons Labyrinthe verschlagene Leser, und diese Fragen zogen ihn hinter sich her. Bei Mason & Dixon ist das anders. Man liest und liest, stößt auf Stellen, Episoden und Sentenzen, bei denen einem der Mund offen stehen bleibt. Dann schließt er sich wieder, und man schaut etwas ratlos zur Decke. Man liest ein Buch, das zweifellos in das Gebiet des Meisterhaften und auf das zugleich der Schatten der Aporie fällt.

· Thomas Pynchon: Mason & Dixon a. d. Amerikanischen von Nikolaus Stingl; Rowohlt, Reinbek 1999; 1023 S., 58,- DM

 
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