Dieses Theater macht depressiv

Der Regisseur Matthias Langhoff attackiert das deutsche Bühnensystem: Es ist verkrustet, erzeugt auf hohem Niveau Langeweile und braucht eine radikale Strukturreform Ein ZEIT-Gespräch

DIE ZEIT: Herr Langhoff, Sie haben zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder in Berlin inszeniert - Die Trachinierinnen des Sophokles. Seit langem leben Sie in Paris, sind inzwischen Franzose. Nun haben Sie zwei Monate in Berlin gearbeitet, am Deutschen Theater - was sind Ihre Eindrücke vom neuen Berlin?

MATTHIAS LANGHOFF: In zwei Monaten sieht man nicht so viel. Einiges bleibt mir vertraut, eine gewisse Ländlichkeit - um nicht von Provinzialismus zu reden -, anderes ist mir fremd. Ich finde es traurig, dass die Stadt mehr und mehr ihre beiden Gesichter verliert.

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LANGHOFF: Ich glaube, sie ist es. Aber sie redet von einer anderen Hauptstadt als der, die sie ist. Berlin ist eines der größten Dörfer - und gut wäre es, es bliebe so. Der Anspruch, jetzt weltstädtisch zu werden wie Paris oder London - der wird, glaube ich, nicht viel bringen. Aber großkotzig war Berlin schon immer. Die Stadt nimmt sich wichtiger, als sie ist. Das gehört hier zur Mentalität, diese Mischung aus Überheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühl.

ZEIT: War es der Hass auf die Stadt, der Sie damals wegtrieb?

LANGHOFF: Nein, kein Hass. Es hat mich ja in keiner deutschen Stadt lange gehalten. Das erste Mal, als ich Berlin verließ, wollte ich weg aus der DDR - und die Denkschemata in meinem Kopf loswerden. Beim zweiten Mal, 1992, als ich zurückkehrte ans Berliner Ensemble, dachte ich, Berlin würde eine multikulturelle Stadt. Eine Exilillusion. Ich war enttäuscht - und wieder trieb es mich weg. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl in dieser kulturellen Landschaft .

ZEIT: Zu viel Behaustheit scheinen Sie als Theatermensch zu scheuen?

LANGHOFF: Nicht nur als Theatermensch. Einer meiner Lieblingssätze stammt aus Brechts Fatzer-Fragment . Ganz am Ende, kurz vor der Katastrophe, auf die Frage der anderen, was sollen wir tun, sagt Fatzer: einfach weggehen. Das hat mir immer eingeleuchtet, und es entspricht meiner Natur. Ich will nicht allzu sesshaft sein, auch nicht in meinen eigenen Inszenierungen. Meine größte Angst ist, eine Inszenierung zu sehen und das Gefühl zu haben: Da warst du doch schon mal drin.

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