Ein angekündigter Mord

Meißener Gymnasiasten wussten, dass ihr Mitschüler eine Lehrerin töten wollte. Warum vertrauten sie sich keinem Lehrer an? Pädagogen im Osten fragen nun, ob sie sich mehr um Nöte als um Noten kümmern sollen

Keiner spricht, keiner weint an diesem Ort, der vor kurzem noch ein neonheller Schulflur war, über den Meißener Gymnasiasten in ihre Klassen hetzten. Jetzt ist hier eine Kapelle, ein Ort der Andacht, von Kerzen erleuchtet. Vor dem Sekretariat liegt eine Stoffmaus in einem Meer aus Nelken und roten Rosen. An einer Säule kleben Todesanzeigen, von Schülern gemalt.

Dutzende von Teelichtern flackern zu Füßen der Schüler, die sich an diesem Donnerstag Morgen um kurz vor sieben zu einer Gedenkminute im Treppenhaus versammelt haben. Einer nach dem anderen treten sie vor die Säule und verneigen sich wie vor einem Altar. Ein paar verharren mit gefalteten Händen, bewegen stumm die Lippen. Ein Mädchen hat den Arm um eine Lehrerin gelegt, die mit zitternden Händen versucht, eine Kerze anzuzünden.

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Im Blumenmeer liegt ein Zettel: "Warum hat keiner etwas getan?", steht da in krakeliger Jungenhandschrift, und, in wirren Worten, etwas von einer verhängnisvollen Entwicklung. Dass die Tat des Neuntklässlers mehr war als eine Kurzschlusshandlung, lässt auch ein Leserbrief des Franziskaneum-Kollegiums an die Sächsische Zeitung vermuten, in dem von "unbewältigten Konflikten" die Rede ist.

Andreas S., der Täter, sagte bei seiner Festnahme wenige Stunden nach dem Mord lediglich, dass er "die Lehrerin gehasst" habe.

Wann immer sich Lehrer in diesen Tagen über ihren Beruf unterhalten - unweigerlich kommt der Mord an der Kollegin in Meißen zur Sprache. Da ist nicht nur die Trauer über ihren Tod, da ist auch der Schock über das Unfassbare, das es in Deutschland bislang nicht gegeben hat: dass die viel diskutierte Aggressivität an der Schule in den Mord eines Schülers an seiner Lehrerin münden könnte. Haben Lehrer nun allen Anlass, sich vor ihren Schülern zu fürchten? Oder war der Mord in Meißen die Tat eines durchgedrehten Teenagers - durch nichts zu verhindern? Noch behalten die Dresdner Staatsanwälte die Aussagen des geständigen Täters für sich.

Doch auch ohne das Vernehmungsergebnis zu kennen, wissen Lehrer, Schüler und Eltern von einem beunruhigenden Detail: Anders als beim Amokläufer von Bad Reichenhall war das Verbrechen in der sächsischen Kleinstadt geplant - und angekündigt. Andreas S. hatte Klassenkameraden mehrmals erzählt, er wolle seine Geschichtslehrerin töten. Mitschüler wetteten mit ihm, setzten Geld, sollen ihn sogar angestachelt haben. Dass sich keiner der Mitwisser rechtzeitig einem Lehrer anvertraute, lässt Pädagogen an sich selbst zweifeln. "Hätte man die Klasse beobachtet, wäre das nicht passiert", sagt ein Kollege der Toten. Gibt es in der Schule kein soziales Frühwarnsystem?, fragen seither Pädagogen im ganzen Land. Will sich keiner mehr einmischen, seit den Lehrern der ehemaligen DDR - aus guten Gründen - beigebracht wurde, Schule sei allein für Bildung, die Familie aber für Erziehung zuständig?

Andreas S. war das, was Mütter als "netten Jungen" bezeichnen würden. Er grüßte die Nachbarn höflich, ging regelmäßig in die neuapostolische Kirche, war stellvertretender Klassensprecher und lernte viel. "Wir haben ihn alle gemocht", sagte ein Mitschüler am Tag nach der Tat. Seine Freizeit verbrachte Andreas auf dem Fußballplatz - solange er keine schlechten Zensuren nach Hause brachte, wie ein Nachbar berichtet: "Dann durfte er nicht zum Training."

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