Durchs wilde Tibet

Henry S. Landors unglaubliche Abenteuer

Kannte Henry Landor Karl May? Oder Jules Verne? Wir wissen es nicht. Doch sein erstmals 1897 erschienener Bericht Auf verbotenen Wegen durch Tibet ist durchweht vom Geist Kara Ben Nemsis und Phileas Foggs. In ständiger Gefahr, von feindlichen Bewohnern oder von einer für Europäer unzuträglichen Natur dahingerafft zu werden, durchquerte der viel gereiste Spross einer englischen Künstlerfamilie eines der letzten kartografisch noch unerschlossenen Gebiete der Erde. Um seinen Namen unsterblich zu machen, wollte er die noch unbekannte Quelle des Brahmaputra entdecken und das geheimnisvolle Lhasa erreichen, Sehnsuchtsziel zahlreicher europäischer Entdecker im 19.

Jahrhundert. Dass zu jener Zeit nur wenige in Tibets Landesinnere vordringen konnten, lag nicht nur an den extremen klimatischen Bedingungen, sondern vor allem an der politischen Situation. Asiatische und europäische Mächte, allen voran Großbritannien, rivalisierten darum, sich das strategisch wichtige Gebiet einzuverleiben. Tibet reagierte mit rigoroser Abschottung. Fremde wurden als Spione verdächtigt und mussten um ihr Leben fürchten.

Landor scheinen die Gefahren geradezu beflügelt zu haben. Glaubt man seiner Beschreibung, hat der eher zierlich gebaute Engländer Titanisches geleistet.

Er musste sich der Heimtücke einheimischer Träger erwehren, die ihn hintergingen und ihm nach dem Leben trachteten. Er hatte den Verlust fast des gesamten Gepäcks zu verkraften, musste in dichter Folge eiskalte Gletscherflüsse durchwaten, auf Eilmärschen und mit unzureichender Ausrüstung täglich gewaltige Höhendifferenzen überwinden und wochenlang fast ohne Schlaf und mit nur wenig Nahrung auskommen. Ständig den Tod vor Augen, ließen ihn jedoch zu keinem Zeitpunkt sein unbändiger Humor, seine erfindungsreichste Geistesgegenwart und stupenden Sprachkenntnisse im Stich. Die Gegner verblüffte er mit Bonmots in ihrem Heimatdialekt und seine Leser mit den gepflegten Manieren eines englischen Gentleman - auch in Extremsituationen.

Den grausamen Foltertod vor Augen, lehnte Landor eine sichere Gelegenheit zur Flucht ab, weil er seine beiden treuen Diener nicht im Stich lassen wollte, die er bereits zuvor mehrfach aus Lebensgefahr errettet hatte. Angesichts einer solchen Ballung von Edelmut und Übermenschentum kamen bereits seinen Zeitgenossen Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Berichterstattung. Doch Landor bediente geschickt Neugier und Sensationslust des britischen Publikums mit effektvoll inszeniertem Nervenkitzel. Seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen erwiesen sich schnell als wertlos. Ein zweiter Humboldt oder Livingstone war Landor nicht, aber durchaus ein fesselnder Erzähler. Wer die Abenteuer von Indiana Jones und Lawrence von Arabien mag, kommt hier auf seine Kosten und erfährt nebenbei einige faszinierende Details über das Alltagsleben aus dem bis heute geheimnisvollen Gebirgsland und seiner Hauptstadt Lhasa.

Leider wird der Genuss durch den etwas nachlässigen editorischen Service des Verlages gemindert. Die Edition Erdmann hat zwar der (leicht gekürzten) Neuausgabe ein Vorwort vorangestellt, das die Glaubwürdigkeit von Landors Darstellung diskutiert, doch lässt der Verlag die Leser darüber hinaus allein. Es gibt keine Karte, auf der man den Reiseweg nachvollziehen könnte, keinen Kommentar, der Landors Irrtümer oder geografische Angaben richtig stellt. Es fehlen auch die Fotos der Erstausgabe. Sie zeigen Landor als distinguierten Gentleman vor und als von den Strapazen gezeichneten Pilger nach der Reise. Auf diesen Aufnahmen erkennt man, was der Text eher verschweigt: Wie sehr Reisen einen Menschen verwandeln kann.

Henry S. Landor: Auf verbotenen Wegen durch Tibet

Edition Erdmann im K. Thienemanns Verlag, Stuttgart 1999

352 S., 42,- DM

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    • Von Axel Winzer
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 47/1999
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