Was kommt nach Rot-Grün? Nach New Labour? Wenn die Politik der linken Mitte in Europa gescheitert ist? Meine Vermutung: Es kommen neue Totalitarismen des "Warum eigentlich nicht?", die überall, nicht nur in Österreich oder der Schweiz, an die Macht drängen. Um dies zu begründen, stelle ich die Frage nach dem Ort des Politischen in der Zweiten Moderne.

Seit der Antike wird Demokratie territorial, das heißt in der Gleichsetzung von Raum, Staat und politischer Gemeinschaft, gedacht und praktiziert. Die frühgriechischen Stadtstaaten, aber auch die historisch jungen Nationalstaaten der Gegenwart sind vernetzte Territorialstaaten. Mit dem Siegeszug des nationalen Projekts der Moderne während der letzten 200 Jahre zerfällt die Menschheit in politische Räume und Einheiten, die als gegeneinander abgegrenzte Territorialgesellschaften mit einer nationalen, sprich: territorialen Identität gedacht werden. Entsprechend erkennen Nationalstaaten keine Autorität über sich an.

Dies ist meine zentrale These: An allen Begriffen und Institutionen des Politischen klebt immer noch die Scholle. Das herrschende nationale Verständnis von Demokratie, Staat, politischer Gemeinschaft, Souveränität, Gewaltmonopol, Steuerhoheit, Föderalismus, Gemeinde, Öffentlichkeit, Parlament, Bürgerrechten und Bürgern hat eine territoriale Prämisse. Der Mainstream der politischen Theorie der Gegenwart beruht auf einer obsessiven Gleichsetzung von Ort und politischem Selbst.

Daraus folgt meine zweite These: Dieses territoriale Apriori des Politischen zerfällt in dem Maße, wie sich die postnationale Gesellschaft herausbildet. Das heißt: Wenn sich das Zusammenleben aus räumlicher Bindung löst, wenn eine Woge transnationaler Mobilität von Menschen, Wirtschaft und Risiken das territoriale Apriori aufhebt, dann ändert sich alles. Darum lautet die entscheidende Frage, ob die Demokratie diese Revolution überlebt und eine Transformation des Politischen möglich ist. Und was geschieht, wenn sie misslingt?

Der große Denkerabschied von der Politik, die Wahlverwandtschaft von Postmoderne, Systemtheorie und Neoliberalismus haben diese Frage nach der "Erfindung des Politischen" in der postnationalen Ära voreilig aus dem Katalog der ernst zu nehmenden Fragen gestrichen. Wer trotzdem nach der Renaissance des Politischen fragt, setzt sich dem Gespött der Secondhand-Denker aus. So bietet sich auf den Bühnen der Politik und der Politikwissenschaft (mit bemerkenswerten Ausnahmen) dasselbe Bild: Der protektionistische Reflex beherrscht in allen politischen Farben die Szene. Die einen wollen die Nation, die anderen die Demokratie, die Dritten den Sozialstaat, die Vierten die Natur retten. Doch alles Erstrebenswerte - Nation, Demokratie, das soziale Gewissen und der Umweltschutz - hängt, folgt man der herrschenden Einbildung, am territorialen Verständnis des Staates und ist mit dessen Gefährdung gefährdet. Dies ist umso erstaunlicher, als das Experiment Europa nur im Ausbruch aus dem territorialen Politikverständnis gelingen kann.

Was also heißt "postnationale Gesellschaft"? Zunächst bedeutet es eine Globalisierung der Biografien, was den Kurz- und Kettenschluss von der Hautfarbe auf Herkunft, Sprache, Pass, auf nationale Identität und Loyalität zum Fehlschluss macht. Ein Epochenbild der Gesellschaft veraltet. Wird Gesellschaft in der ersten, nationalen Epoche der Moderne als staatlich organisierter "Behälter" gedacht, so wird in der postnationalen Zweiten Moderne diese Gleichsetzung von Territorium, Gesellschaft und politischer Identität entkoppelt. Nietzsche spricht hellsichtig vom "Zeitalter der Vergleichung" und meint damit, dass der Einzelne nicht nur zwischen verschiedenen Traditionsangeboten wählen und wechseln kann. Vielmehr können und müssen die Kulturen der Welt - im Grenzfall - an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt nebeneinander durchlebt und insofern verglichen, aufeinander bezogen, füreinander verständlich gemacht, also über-setzt werden.