Barlach ist lachbar - aus dem Kalauer, mit dem der 1870 geborene und erst in den zwanziger Jahren berühmt gewordene Bildhauer und Schriftsteller sich selbst verspottete, wurde nach der "Machtergreifung" böser Ernst. Nun wollte man ihm, dem Erzniederdeutschen, sogar aus der ersten Namenssilbe den Strick nichtarischer Herkunft drehen. "Jüdische Verbindungen" besaß er allerdings mit Berliner Kunst- und Verlagshändlern wie Paul Cassirer; ihr Kredit war an dem "statiösen" Atelierhaus beteiligt, das er sich zu Beginn der dreißiger Jahre bei Güstrow am Inselsee bauen ließ. Sein Herzenswunsch war es nicht; der ehemalige Pferdestall, in dem er zwei Jahrzehnte hantiert hatte, hätte es ihm noch länger getan. Doch auch sein Gehilfe Böhmer befand, er sei jetzt auf größerem Fuß zu leben verpflichtet; seit Böhmers Ehefrau Marga in den Haushalt des Meisters umgezogen war, wirkte er als dessen Agent. Als Parteigenosse versprach er auch einen gewissen Schutz vor der gegen Barlach einsetzenden Hetze. Nun wurde es zur Existenzfrage, für wie "entartet" seine Kunst zu gelten hatte.

In den nächsten Jahren verschwanden seine dem "soldatischen" Ideal widersprechenden Weltkriegsehrenmahle eins ums andere von ihren Plätzen, zuletzt der Schwebende mit den Kollwitz-Zügen aus dem Dom seiner Stadt Güstrow. Er aber saß, immer wieder physisch bedroht, in schönster Lage auf seinem Schuldenberg und bewegte sich wie ein Fremder unter den unverkäuflich gewordenen Figuren in seinem Atelierhaus, das nicht mehr er bewohnte, wohl aber Böhmer mit seiner Familie. Im Oktober 1938 entschlüpfte der seit langem herzkranke Barlach, achtundsechzigjährig, der sich immer enger zuziehenden Garrotte in den Tod.

So weit muss man den biografischen Stoff dieser letzten Jahre ausbreiten, um zu würdigen, was er handschriftlich in einer Kladde unter dem Titel Der gestohlene Mond daraus machte: die Transkription lebensgeschichtlicher Qual in eine Art Idylle, die mit jedem Satz dieses Namens spottet. Von weit her erinnert der Spott an Jean Paul, dessen Freundespaar Walt und Vult aus den Flegeljahren in eine gründlich verfinsterte mecklenburgische Kleinstadt umgezogen ist. Hier heißen sie Wau und Wahl; Wau ist ein geschiedener und verabschiedeter Zollbeamter und Sinnierer, dem sein in jedem Wortsinn blendender Kumpan Wahl eine teils unerwünschte, teils unabweisliche und jedenfalls umfassende Fürsorge angedeihen lässt. Er mietet etwa in Waus Namen ein Gartenhaus, allerdings, um darin seinen eigenen schon wackligen Vater ("Wahlvater") zu logieren, der dort ein Mädchen aus kleinsten Verhältnissen, die selbst noch kindliche Frieda, schwängert. Weil das Gerücht die Vaterschaft dem vermeintlich zuständigen Wau zuschiebt, fühlt sich der flotte Wahl aufgerufen, es niederzuschlagen, und setzt dafür Himmel und Hölle in Bewegung - buchstäblich. Denn in Barlachs Sprachwelt kann man nicht den Teufel tun, ohne zum Teufel zu werden.

Die Inszenierung des Romans verwendet und überhöht privates Material - und zugleich lässt sich darin ein aus Analysen der NS-Zeit bekanntes Seelenmuster wiederfinden. Wahl tut sein Bestes für den Freund - was kann er dafür, dass es sich unter seiner tüchtigen Hand ins Schlimmste verkehrt; dass die armselige Frieda die Hatz, die er veranstaltet, nicht überlebt? Wenn es sich dabei um Verantwortung und Schuld handelt, bei Licht betrachtet, so soll man ebendieses Licht löschen und tiefer blicken. Der "Schöpfer in uns" geht dunkle Wege, dem kommt es auf einen Mutter- und Kindstod nicht an, auch das größte Leid wird er schon zu benutzen wissen. Soll man da nicht die Größe haben, sein Teil Finsternis auf sich zu nehmen? So redet Wahl, der Versucher - das Diabolische wird im Gestohlenen Mond gewissermaßen zur theologischen Ehrensache, und auf den Widerspruch Waus wartet der Leser umsonst. Vielmehr lässt er sich, tatenarm und gedankenvoll, zur leidenden Komplizenschaft bewegen, auch wenn er das Einverständnis schuldig bleibt. Zu tief hat er in seinem peinlichen, lächerlichen, tödlichen Freund sich selbst wiedererkannt.

Es ist, als müsse Barlach dem ihn erstickenden NS-Regime die Dialektik Dostojewskijs zugute halten - damit auch eine kompromittierende Verwandtschaft mit den Motiven, die ihn lebenslang in seinen Dramen umgetrieben haben: Nur wer sich über alle Maßen in Schuld verstricke, habe das Zeug, die Gnade radikal genug herauszufordern. Einer ähnlichen Spekulation kann der Leser Thomas Manns bei Adrian Leverkühn begegnen, dem in den Teufelsbund abgefallenen Theologen. Aber der Kontrapunkt humanistischer Revolte gegen solche "Herausforderung" fehlt im Gestohlenen Mond. Er fehlt so kategorisch, dass sich das Buch als - zerknirschte - Mystifikation des Unmenschen lesen lässt, mit der Vollmacht eines "Schöpfers" - in Vertretung des abwesenden Gottes.

Das Manuskript hat im Tresor von Barlachs Testamentsvollstrecker das Bombardement Hamburgs überstanden. Mein Jahrhundertbuch: weil es ebenso hilflos wie schonungslos zeigt, was im trüben Innern jener deutschen Jahre und ihrer Teilnehmer abgelaufen ist und was aus Walt und Vult, aus Faust, Mephisto und Gretchen in der dicken Luft einer mecklenburgischen Kleinstadt werden konnte. Barlach, das Opfer dieses Miefs, bezeugt: Mit Moral war dem nicht beizukommen, sie löste das Rätsel der Verstrickung nicht. Tut sie es denn heute?

Statt einer Lehre stehen bei Barlach ein paar Seiten, die für mich zur großen deutschen Prosa gehören. Zugleich wortgewaltig und sprachlos erleben sie das Ende eines ausgedienten Pferdes: niedergestreckt nach den Regeln eines gutmütigen Schlachters, aufgerichtet und aufgehoben nach den eigensinnigen Bräuchen von Barlachs Kunst. Pegasus beim Abdecker in Güstrow; Rosinante in Guernica.