Auch gute Bücher können schlecht klingen. Dann muss man anfangen, sich um sie zu sorgen. Zum Beispiel um dieses hier: Kasimir Edschmids Bücherdekameron, erschienen 1922 in Berlin. Tonlos, dumpf und schlapp klingt jede einzelne Seite, wenn man mit dem Finger dagegenschnalzt. Ein Schmöker in Bestform klänge anders, straff und hell wie ein Schlag auf eine kleine Trommel. Stark gebräunt sind die Seiten auch schon, als habe ein unachtsamer Leser sie auf der Sonnenbank vergessen. Wie schlecht es dem Buch wirklich geht, zeigt aber erst die Dreifachknickprobe. Dabei hat man drei Versuche, einer Seite ein kleines Eselsohr zu verpassen. Doch schon beim ersten Knick bricht der Seitenzipfel einfach ab wie ein Stück Knäckebrot.

"Das Buch ist rettungslos verloren", sagt Gunther Nickel und wischt ein paar Krümel Edschmid von seinem Schreibtisch. Der Germanist koordiniert im Deutschen Literaturarchiv in Marbach die Versuche, die einzigartigen Bestände zu bewahren: 600 000 Bücher, mehr als 6000 Zeitschriften, die 22 Millionen Blätter der Handschriftenabteilung und ihrer gut 1000 Dichternachlässe. Wie in allen Bibliotheken und Archiven nagt auch an den Schätzen der Schillerhöhe der Säurefraß, der mehr oder weniger alles zwischen 1860 und 1970 zu Papier Gebrachte bedroht. In dieser Zeitspanne wurde fast ausschließlich säurehaltiges Papier beschrieben und bedruckt, und das löst sich nun langsam auf. Ein Blatt im Endstadium, das eben noch Buchstaben, Wörter, Sätze, Liebschaften, Abenteuer festhielt, zerfällt bei der leichtesten Berührung einfach zu Staub und mit ihm die Information, die es trug. "80 Prozent unseres Bestands sind bedroht, wenn wir nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre etwas unternehmen", sagt Nickel.

Dem Edschmidschen Dekameron wäre aber auch auf der Leipziger Intensivstation nicht mehr zu helfen. Entsäuerung heißt Bewahrung des Status quo; an industriellen Verfahren zur Papierfestigung und -verbesserung wird zwar geforscht, aber marktreif sind sie noch nicht. Zum Glück steht es längst nicht um alles so schlecht wie um den Edschmid. Der hat einfach überdurchschnittlich viel durchgemacht: Er stammt aus der Bibliothek von Kurt Pinthus, dem Herausgeber der berühmten expressionistischen Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. Pinthus war 1937 nach Amerika emigriert, kehrte fast 30 Jahre später nach Deutschland zurück und verbrachte seinen Lebensabend in Marbach. Seine Bücher begleiteten ihn auf all diesen Wegen, und Seereisen, Temperaturschwankungen, Klimawechsel tun einem Buch so gut wie unsereinem 20 durchzechte Jahre. Aber selbst die ordnungsgemäße Lagerung bei 18 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit in den schier endlosen Marbacher Kellern entreißen die sauren Werke nicht ihrem Schicksal, sie zögern es nur hinaus. Das demonstriert Gunther Nickel an den Exemplaren der New Yorker Emigrantenzeitung Der Aufbau: Während die Seiten aus dem Jahr 1952 bislang nur einen zentimeterbreiten blassbraunen Rand aufweisen, empfiehlt sich für die Lektüre der Ausgaben von 1945 schon jetzt, Handfeger und Kehrblech mitzubringen.

Für manche kostbare Zeitung kam die Rettung buchstäblich in letzter Minute

Bei immer mehr Marbacher Stücken stecken ihre Hüter in einem Dilemma: Zum einen soll jedermann sie lesen und benutzen können. Zum anderen wäre es für ihr dauerhaftes Überleben am besten, sie würden - entsäuert oder nicht - gar nicht mehr angerührt. Der Kompromiss heißt Mikrofiche. Immer mehr wertvolle, fragile Zeit- und Handschriften werden mikroverfilmt. 25 Dichternachlässe, darunter die von Mörike, Benn, Celan, sind auf diese Weise schon geschützt und doch so öffentlich wie nie zuvor, desgleichen mehr als 50 seltene Zeitungen und Zeitschriften. Mitunter war es Rettung in letzter Minute - manche Seite zerfiel unmittelbar nach der Aufnahme.

Neben Zeitungen, die immer auf billigem Papier gedruckt wurden und werden, sind alle Drucksachen aus Krisenzeiten besonders gefährdet. Während der Weltkriege und unmittelbar danach sank die Papierqualität rapide, sodass ein Buch von 1910 mitunter deutlich besser in Schuss ist als eins von 1950. Deshalb galt die erste große Marbacher Rettungsaktion auch nicht einem der Spitzenstücke der Sammlung, dem Manuskript von Döblins Berlin Alexanderplatz etwa (auch wenn der Autor immer wieder säurehaltige Zeitungsschnipsel in seinen Text collagierte) oder den Handschriften Kafkas. Nein, zuerst entsäuert wurde ein Kleinod auf billigem Papier: eine weltweit einzigartige Sammlung von Trivial- und Kolportageliteratur, vulgo Heftchenromane. Bestseller wie Galgenvögel oder blutige Thaten menschlicher Ungeheuer und Birkenmüllers Lieschen oder lebendig in's Grab . Diese Jerry Cottons und Perry Rhodans des 19. Jahrhunderts stehen nun, umweht von einer schwachen Alkoholfahne, für die Erbauung der nächsten 20 Generationen zur Verfügung.

Die nächste Fuhre für Leipzig ist auch schon ausgeguckt: die wertvollsten Stücke aus der einzigartigen Plakatsammlung des Archivs. Wie die Trivialromane sind sie Dokumente der Alltags- und Gebrauchskultur, die meist spurlos verschwänden, wenn sie nicht hier konserviert würden. Ein Aufruf zur Nationalversammlung 1919 nach einem Entwurf von Max Pechstein, die Einladung zum "Revolutionsball der Aktion" 1913, Karten für 10 Mark, Theaterplakate von Brechts Berliner Ensemble - hier wird literarisches, gesellschaftliches Leben anschaulich. Und gerade darauf legt man in Marbach, dessen Ausstellungen zu Recht gerühmt werden, großen Wert. 769 Plakate, zumeist Unikate, sollen nun in Leipzig nicht nur entsäuert, sondern auch von Notoperationsnarben aus Tesafilm befreit, fachgerecht repariert und mikroverfilmt werden. 170 Mark pro Stück kostet diese Rundumbehandlung - macht gut 130 000 Mark.