Vor einigen Wochen kündigte sich der neue Untermieter an. Er brauche nur wenig Platz, der Winkel eines Zimmers reiche völlig aus. Als er dann einzog, mussten wir lächeln. Er kam allein mit einer 16-Kilogramm-Kiste, einer kompakten Musikschatztruhe, und einem Foto in der rechten oberen Ecke, aus der er spöttisch und weise guckt - Arthur Rubinstein. In der Kiste stecke sein Leben und wir dürften uns ganz selbstverständlich daraus bedienen.

The Rubinstein Collection, soeben von der Schallplattenfirma RCA als Monument sämtlicher Aufnahmen des Pianisten Arthur Rubinstein veröffentlicht, macht selbst den hartgesottenen Musikliebhaber sprach- und schlaflos. Ein Unternehmen, das im Jahr 1928 startet, dem Punkt null eines Lebens vor dem Mikrofon und fünf Jahrzehnte umfasst. 106 Stunden Musik, 706 Einspielungen von 347 Werken, alle in digital gefiltertem, trennscharfem Klangbild: Kaum je zuvor wurde man derart umfassend mit dem Lebenswerk eines Musikers beschäftigt. Doch bereitet die Kärrnerarbeit der Hörsitzungen unüberbietbares Vergnügen - sogar nachts um 3.17 Uhr, wenn man mit der drängenden Frage aufwacht, ob Rubinstein den cis-moll-Walzer Chopins im Jahr 1930 wirklich fast eine Minute rascher gespielt hat als im Jahr 1975. (Hat er.) Magisch zieht einen dieser erratische Block an. Es wird einem ein bisschen monomanisch zumute. Aber was nimmt man nicht alles auf sich für den Luxus, über ein Musikerleben in seiner ganzen Brillanz und Vielfalt verfügen zu dürfen?

Das glänzende Leben eines "glückhaften Virtuosen", wie Thomas Mann meinte?

Rubinstein, immerzu sonnig und jeder Vergnügung zugetan, sah es wohl selber so. Seine Jugend lief an ihm vorbei wie ein Film. Arthur Rubinstein, 1887 in der verwahrlosten Industriestadt Lodz geboren, wurde entdeckt, von dem Geiger und Brahms-Freund Joseph Joachim protegiert, kam nach Berlin, beeindruckte in ersten Konzerten und schloss seine Ausbildung bei Karl Heinrich Barth ab - als Enkelschüler Franz Liszts. Das 19. Jahrhundert klebte an ihm. Er registrierte das zunächst auf biografischer, nicht auf ästhetischer Ebene.

Einstweilen hungerte er nach Ablenkung, Nervenkitzel und Offenbarung. 1904, endlich in Paris, streifte er mit Grandezza die alte Haut ab und fand Kontakt zur geistigen Welt. Rubinstein war damals 17 Jahre alt, und gern ließ er sich bestaunen. Rauschende Feste. Tage und Nächte als Tasten- und Salonlöwe. Stuhl an Stuhl mit Picasso. Und viel Illusion: Rubinstein empfand sich als Pianist der Moderne und trug auf seinen Konzertreisen Debussy, Ravel oder Skrjabin vor. Das alles fand er ungemein aufregend. Doch es fehlte etwas.

Es kam am 7. März 1928 in den Londoner Aufnahme-Studios von HMV. Dort spielte er Chopins Barcarole und hatte hinterher, als das Band abgespielt wurde, Tränen in den Augen. Arthur Rubinstein konnte endlich Arthur Rubinstein hören und war gleich verzaubert - von den Möglichkeiten des Mediums, vom Klang, von sich selbst. Er wusste jetzt, dass er endgültig im 20. Jahrhundert angekommen war, und spürte, dass sein Leben in diesem Moment neu begann. Er heiratete, ging in Klausur und übte sich den Schlendrian aus den Fingern. Im Hinterkopf spukten schon die nächsten Aufnahmen und das reale Phantom einer "Ewigkeitsarbeit". Dafür wollte er gerüstet sein.

Die pianistischen Exerzitien des Eremiten Rubinstein betrafen Handwerkliches.