Lässiger Ewigkeitsarbeiter

Arthur Rubinsteins Vermächtnis ist auf 94 CDs erschienen

Vor einigen Wochen kündigte sich der neue Untermieter an. Er brauche nur wenig Platz, der Winkel eines Zimmers reiche völlig aus. Als er dann einzog, mussten wir lächeln. Er kam allein mit einer 16-Kilogramm-Kiste, einer kompakten Musikschatztruhe, und einem Foto in der rechten oberen Ecke, aus der er spöttisch und weise guckt - Arthur Rubinstein. In der Kiste stecke sein Leben und wir dürften uns ganz selbstverständlich daraus bedienen.

The Rubinstein Collection, soeben von der Schallplattenfirma RCA als Monument sämtlicher Aufnahmen des Pianisten Arthur Rubinstein veröffentlicht, macht selbst den hartgesottenen Musikliebhaber sprach- und schlaflos. Ein Unternehmen, das im Jahr 1928 startet, dem Punkt null eines Lebens vor dem Mikrofon und fünf Jahrzehnte umfasst. 106 Stunden Musik, 706 Einspielungen von 347 Werken, alle in digital gefiltertem, trennscharfem Klangbild: Kaum je zuvor wurde man derart umfassend mit dem Lebenswerk eines Musikers beschäftigt. Doch bereitet die Kärrnerarbeit der Hörsitzungen unüberbietbares Vergnügen - sogar nachts um 3.17 Uhr, wenn man mit der drängenden Frage aufwacht, ob Rubinstein den cis-moll-Walzer Chopins im Jahr 1930 wirklich fast eine Minute rascher gespielt hat als im Jahr 1975. (Hat er.) Magisch zieht einen dieser erratische Block an. Es wird einem ein bisschen monomanisch zumute. Aber was nimmt man nicht alles auf sich für den Luxus, über ein Musikerleben in seiner ganzen Brillanz und Vielfalt verfügen zu dürfen?

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Das glänzende Leben eines "glückhaften Virtuosen", wie Thomas Mann meinte?

Rubinstein, immerzu sonnig und jeder Vergnügung zugetan, sah es wohl selber so. Seine Jugend lief an ihm vorbei wie ein Film. Arthur Rubinstein, 1887 in der verwahrlosten Industriestadt Lodz geboren, wurde entdeckt, von dem Geiger und Brahms-Freund Joseph Joachim protegiert, kam nach Berlin, beeindruckte in ersten Konzerten und schloss seine Ausbildung bei Karl Heinrich Barth ab - als Enkelschüler Franz Liszts. Das 19. Jahrhundert klebte an ihm. Er registrierte das zunächst auf biografischer, nicht auf ästhetischer Ebene.

Einstweilen hungerte er nach Ablenkung, Nervenkitzel und Offenbarung. 1904, endlich in Paris, streifte er mit Grandezza die alte Haut ab und fand Kontakt zur geistigen Welt. Rubinstein war damals 17 Jahre alt, und gern ließ er sich bestaunen. Rauschende Feste. Tage und Nächte als Tasten- und Salonlöwe. Stuhl an Stuhl mit Picasso. Und viel Illusion: Rubinstein empfand sich als Pianist der Moderne und trug auf seinen Konzertreisen Debussy, Ravel oder Skrjabin vor. Das alles fand er ungemein aufregend. Doch es fehlte etwas.

Es kam am 7. März 1928 in den Londoner Aufnahme-Studios von HMV. Dort spielte er Chopins Barcarole und hatte hinterher, als das Band abgespielt wurde, Tränen in den Augen. Arthur Rubinstein konnte endlich Arthur Rubinstein hören und war gleich verzaubert - von den Möglichkeiten des Mediums, vom Klang, von sich selbst. Er wusste jetzt, dass er endgültig im 20. Jahrhundert angekommen war, und spürte, dass sein Leben in diesem Moment neu begann. Er heiratete, ging in Klausur und übte sich den Schlendrian aus den Fingern. Im Hinterkopf spukten schon die nächsten Aufnahmen und das reale Phantom einer "Ewigkeitsarbeit". Dafür wollte er gerüstet sein.

Die pianistischen Exerzitien des Eremiten Rubinstein betrafen Handwerkliches.

Keineswegs galten sie der Reflexion über Kunst als solche. Derlei hatte Rubinstein nicht nötig, ihm schien das Stilgewissen angeboren. Er musste keine ästhetischen Konzepte von Werken entwickeln, die er einstudierte. Er setzte sich ans Klavier und spielte - vieles großartig, manches unvergesslich, anderes uninspiriert. Doch nie verließ er den Raum ernsthafter und natürlicher Musikalität. Musik, so dozierte Rubinstein einmal, müsse man in sich ruhen lassen. Sie habe stets ihren Atem und ihren Puls.

Als er das sagte, mag er auch an den Vampir des Klaviers gedacht haben, der zur gleichen Zeit das Musikleben der Welt faszinierte: Wladimir Horowitz.

Dessen glitzerndes, dämonisches Klavierspiel, das sich mit manueller Unfehlbarkeit wappnete, lastete wie eine Hypothek auf Rubinstein. Er lernte sie allerdings mannhaft zu tragen. Wollte man falsche Töne in der Rubinstein Collection zählen - man könnte daraus ein paar Chopin-Préludes komponieren.

Doch keiner griff so wunderbar daneben wie Rubinstein. Fehler stören bei ihm nicht, weil sie unvermeidliche Späne bei der Arbeit am Eigentlichen waren.

Gleichwohl wurden seine Vorbereitungen für Aufnahmesitzungen immer gewissenhafter und ökonomischer. An besten Tagen genügten zwei Takes.

Livemitschnitte sind in der Collection, einer frühen Entscheidung Rubinsteins gehorchend, nur in begrenzter Zahl zugelassen. Man darf das etwa angesichts des herrlichen, nur klangtechnisch problematischen Mitschnitts von Beethovens G-Dur-Konzert 1951 mit den New Yorker Philharmonikern unter Dimitri Mitropoulos wehmütig bedauern.

Gegen die Marotten des 19. Jahrhunderts

Arthur Rubinstein, das lehrt uns die Collection, nahm sich lebenslänglich alle Zeit der Welt allein für den sprechenden Klang. Weit entfernt davon, ein genialischer Parfümeur wie Arturo Benedetti Michelangeli zu sein, hat Rubinstein das Klavier als gesundes Instrument verstanden, das nur noch zum Leuchten gebracht werden muss. Diese Maximalforderung hat er früh erhoben, nie ist er von ihr abgewichen. Gleichwohl gab es künstlerische Prinzipien.

Die dringlichste betraf seinen polnischen Landsmann Frédéric Chopin. Dessen Musik wollte er gleichsam vor dem romantischen Glotzen bewahren. Hört man die Aufnahme der Mazurken von 1938, ist man erstaunt über Rubinsteins Mischung aus Nervosität und Sachlichkeit, über die Beschwörung eines überpersönlichen Klangs. Geschmack, so ahnte Rubinstein, war für jedwedes Chopin-Spiel eine labile Kategorie

zu sehr hatten exzentrische Marotten des 19. Jahrhunderts das Stilgefühl verdorben.

Er selbst favorisierte einen deutlichen, ganz und gar geklärten Chopin.

Dessen Polonaisen unterstanden in allen drei Aufnahmen von 1935 bis 1964 dem Gebot einer fürsorglichen Ereiferung für das Schwungvolle, formal Bewusste, melodisch Unsentimentale. Der Paralyse der Musik durch übertriebenes Rubato setzte er rhythmische Härte entgegen. Dabei gelang ihm natürlich nicht durchweg der Charakter des Referenziellen. Die g-moll-Ballade gibt Rubinstein nobel und zurückhaltend, bis er plötzlich und leider zu spät bemerkt, dass das Presto con fuoco am Ende nicht denkbar ist ohne dramatische Anspannung zuvor. Hingegen lenkt er die h-moll-Sonate von Anfang an in imperiale Großartigkeit. Das f-moll-Klavierkonzert, das in vier Aufnahmen vorliegt, verliert über die Jahre hinweg nie seine poetische, überlegen gegliederte Substanz. Kein Wunder: Rubinstein konnte sich traumwandlerisch darauf verlassen, dass die Dirigenten ihm, dem Säulenheiligen, folgten.

Das war nicht immer so. Das Paradebeispiel ist Brahms' d-moll-Klavierkonzert.

Rubinstein hat sich einmal lobend über die werkdienliche Zusammenarbeit mit Zubin Mehta (1976) geäußert und dabei die fulminante Einspielung mit Fritz Reiner und dem Chicago Symphony Orchestra von 1954 verschwiegen. Aus solcher Nonchalance spricht auch gekränkte Eitelkeit. Reiner, dem Unberechenbaren, war es nämlich gelungen, Rubinstein ohne Rücksprache für eine eisig-fanatische Lesart des Werks einzuspannen. Das Orchester klingt dermaßen anspringend, dass Rubinstein sein Ideal eines bronzenen, singenden, warmen Brahms für diese Aufnahmesitzung opferte. Er machte, wie man hört, fabelhaft mit. Aber er war nicht der Chef im Ring. Das wurmte ihn. Später hat er sich auch von der hinreißenden Kammermusik-Arbeit mit Jascha Heifetz distanziert.

Der kam Rubinsteins Nimbus in die Quere. Eine Geisterschlacht: die Arbeit an Beethovens c-moll-Konzert 1944 mit Arturo Toscanini.

Bleiben wir bei Rubinsteins Hausgott Brahms, können wir weitere erregende Varianten erleben. Das g-moll-Klavierquartett spielten Rubinstein und das Pro Arte Quartet 1932, zumal im Rondo alla Zingarese, mit grandiosem Vorwärtsdrang. Der Zigeuner Rubinstein scheint hier in seinem Element.

Später, mit dem Guarneri Quartet, tönt derselbe Satz versonnener, weniger sanguinisch. Vergleicht man die vier Aufnahmen von Beethovens Appassionata von 1945 bis 1975, so kennzeichnen nur das Finale gewaltige Temposchwankungen: von 4:26 (1945) bis 7:56 Minuten (1963). Der Mittelsatz bleibt ruhevoll-choralhafte Konstante - das Herzstück, von dem Rubinstein alles Weitere spontan ableitete.

In seinem Verständnis von schöpferischer Autonomie und Perspektivität war er zeitlebens ein Antispezialist. Vehement wehrte er sich dagegen, in die Chopin-Alleinvertretung berufen zu werden. Auch darin ist die Collection ergiebig: Berge von Villa-Lobos, de Falla, sogar Grieg. Gerne setzte er "kleine Sachen" aufs Programm: Haydns f-moll-Variationen oder Schumanns scheue Arabeske. Viel geliebt, viel gespielt: die Evocacion aus Albeniz' Suite Iberia. Aus ihr machte er wahrlich eine Erweckung, in die sich gezirkelte Magie und lässige Sinnlichkeit ergießen. Angesichts seiner pianistischen Freude an frischen Klängen erstaunt es, dass Rubinstein allergisch auf Igor Strawinskys Piano Rag Music reagierte, die ihm gewidmet ist. Das sei nicht seine Musik, bekannte er, obwohl er sich enthusiastisch über Feuervogel und Sacre geäußert hatte. Atonales spielte Rubinstein nicht - man konnte es ja nicht in ein paar Tagen lernen. Manches hingegen hat sich Rubinstein eher beiläufig draufgeschafft. Schumanns Kreisleriana musiziert er mit merkwürdiger Verhaltenheit. Auch die C-Dur-Fantasie springt einen nur durch ihre klavieristische, nicht aber lyrische Behändigkeit an. Hingegen Schuberts Impromptus: ganz fein, innerlich, versunken.

Unmöglich, den zahllosen Wegen und Rückkopplungen eines Pianistenlebens nachzugehen, die diese Collection öffnet. (Übrigens sind nur ein paar Aufnahmen wirkliche Trouvaillen. Fast alles andere könnte man auf LP oder CD bereits im Schrank haben). Es macht einfach Freude, Rubinstein durch das riesige klassisch-romantische Klavierwerk zu begleiten - wie er Großes wieder und wieder extemporiert, mit dem frühen Beethoven überwältigt und dem späten einbricht, Tschaikowskijs b-moll-Konzert dreimal aufnimmt und den Komponisten gleichwohl für reichlich überschätzt hält. Am Ende kommt Rubinstein bei Mozart an, doch nur bei einigen Klavierkonzerten. Er spielt sie nachdenklich, überlegt, zuweilen formelhaft. Gern hätte er Mozart noch tiefer ergründet.

Doch 1976, als 89-Jähriger, musste er sein öffentliches Wirken wegen seiner schwachen Augen beenden. Arthur Rubinstein war 95 Jahre alt, als er 1982 in Genf starb.

Löst die Rubinstein Collection nicht in Deutschland auch eine Verkrampfung und überschreitet eine gesperrte biografische Grenze? Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatte Rubinstein geschworen, Deutschland nicht mehr zu betreten. Über diesen Bann wollte er später, zumal nach dem Holocaust, nur ungern diskutieren

bezeichnenderweise hat er aber einige Male in grenznahen Städten wie Nimwegen, Straßburg oder Basel konzertiert, wo das Publikum samt und sonders aus deutschen Fans bestand, die ihn, den Grandseigneur der Langspielplatte, endlich live erleben wollten.

So steht denn die Musikschatztruhe ruhig und einladend in der Ecke unseres Zimmers. Kein Mausoleum, sondern ein Vitalitätsbrocken. Ein Zeitalter will besichtigt werden - und es kommt einem vor, als sei es gestern gewesen.

Rubinsteins Genie und Lauterkeit halten jeder Frage stand. Wenn es sein muss, um 3.17 Uhr in der Nacht.

The Rubinstein Collection, 94 CDs, mit einem Sammelband (Register, Essays, Inter- view und Fotos), RCA Red Seal 09026- 63000

 
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