Verbrannte Seelen

Unter Lehrern grassiert das Burnout-Syndrom. Doch was ist das?

Jede Nacht um drei Uhr hält er das Pfeifen, Klingeln und Fiepen in seinem Kopf nicht mehr aus. Vom Bett aus tastet er nach dem tragbaren CD-Spieler, setzt den Kopfhörer auf und drückt auf Start. Auf einmal zwitschern um ihn herum Vögel, Blätter rascheln im Wind, in der Ferne rauscht ein Wasserfall. Harald Meffert* war einmal Musiklehrer. Doch sein Gehör ist ruiniert, er meint: durch den Musikunterricht. Dem Toben, Schreien und Stören der Schüler fühlte sich der zierliche, etwas schreckhaft wirkende Mann nicht mehr gewachsen.

Vor acht Jahren wurde Meffert auf seinen Wunsch wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig pensioniert. Das Hörgerät im rechten Ohr erinnert ihn an seine schlimme Zeit an einem Hamburger Gymnasium. Dass er den Tinnitus bekam, erschien ihm damals wie eine Befreiung. "Endlich war die Last vom Buckel!", sagt der inzwischen 65-Jährige. Dabei hatte er anfangs seinen Beruf "zauberhaft" gefunden.

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anderen lassen sich vorher vom Amtsarzt die Dienstuntauglichkeit bescheinigen. In Hamburg steigen sogar 9 von 10 Lehrern vorzeitig aus, weil sie nicht mehr wollen oder können. Die meisten leiden unter psychischer Erschöpfung. Die Symptome kündigen sich über Jahre an. Die Pauker stottern, verlieren die Beherrschung, erleiden Schweißausbrüche und spüren, wie ihr Herz rast, wenn sie vor der Klasse stehen. Viele leiden an Verdauungsproblemen oder einem Tinnitus. Hinter alldem stecken psychische Probleme: Das "Burnout-Syndrom" grassiert in deutschen Lehrererzimmern.

Eltern haben wenig Verständnis für ausgebrannte Lehrer

Der englische Ausdruck für Ausbrennen klingt zwar anschaulich, doch ist kaum herauszufinden, was sich dahinter eigentlich verbirgt. In Nachschlagewerken wie dem Pschyrembel taucht der Begriff erst gar nicht auf. Der Kölner Sonderpädagoge Klaus Jürgen Heuel, Verfasser einer Examensarbeit über Burnout bei Lehrern, stieß auf "über 1000 Publikationen, denen unterschiedlichste und zum Teil auch willkürliche Definitionen zu Grunde liegen". Heuels ernüchterndes Fazit: "Was unter Burnout aus wissenschaftlicher Sicht verstanden wird, kann genau genommen überhaupt nicht gesagt werden." Daraus folgt die zweite Auffälligkeit des Syndroms. Auch die exakten Ursachen des Ausbrennens sind so gut wie nicht bekannt.

Dass sich das Leid der Lehrer jeglichem Zugriff zu entziehen scheint, nährt das Misstrauen. Geht es um das Befinden hiesiger Pädagogen, hält sich das Mitgefühl der meisten Menschen ohnehin in Grenzen. Die zusätzlichen Pensionskosten belasten die öffentliche Hand schon heute, deshalb wollen Landespolitiker den teuren Abschied in den vorzeitigen Ruhestand erschweren. Auch viele Eltern haben wenig Verständnis für "ausgebrannte" Lehrer. Welcher Berufsstand hat schon so viel Ferien, so flexible Arbeitszeiten und ein so hohes Gehalt?

Und ist es nicht so, dass die Krankgeschriebenen, kaum aus dem Schuldienst entlassen, oft plötzlich wieder erstaunlich aufblühen? Wer beispielsweise in Italien einen frühpensionierten deutschen Lehrer trifft, der dort eine Tauchschule betreibt, kommt schon ins Grübeln. Auch jene vorzeitig verrentete Grundschullehrerin gibt zu denken, die plötzlich Kraft für wöchentliche Sprachkurse, Studienreisen und Kegelabende findet, auf denen sie über ihre schmale Pension klagt. Ist es also nur eine Kombination aus Beamtenstatus, privater Krankenversicherung und Simulationstalent (das manche Ärzte den Lehrern bescheinigen), die den frühen Rückzug in die Rente fördert? Oder macht der Lehrerberuf tatsächlich krank?

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