Alexander Stenzel Sitzen Sie gut? In Ihrem Wohnzimmer? Oder müssen Sie bald in eine andere Stadt ziehen, um dort zu arbeiten? Oder wegen der Liebe? Obwohl Sie doch so sesshaft sind! Dann lehnen Sie sich kurz zurück zwischen Ihren Umzugskartons, der Suche nach der perfekten Wohnung und dem Traum vom Eigenheim und hören sich diese Geschichte an.

Eine Geschichte von vier Menschen, die wir die neuen Nomaden nennen. Es ist schwer, sie zu finden, denn Bewegung ist ihr Leben oder ihr Geschäft. Oft haben sie keine feste Adresse - die ist überflüssig geworden in einem sich langsam stabilisierenden Zustand des Unterwegsseins. Manchmal findet man sie im Internet, und sie antworten mit einer E-Mail. Auf ihren Visitenkarten stehen ein Haufen Telefonnummern oder nur eine einzige: die fürs Handy. Sie arbeiten an vielen Orten und sind zugleich an keinem daheim. Mit einem großen Meilenschritt sind sie uns vorausgeeilt in eine neue Epoche, das moderne Nomadentum, denn sie sind mobil und flexibel. Vielleicht sind auch Sie schon, unmerklich, auf dem Weg dahin.

Der Orangensaft kommt. Frisch gepresst trinkt er ihn, dazu Vitamin-C-Pulver und Echinacin, die er einer Reiseapotheke in dem tarnfarbenen Rucksack entnimmt, in dem ein großer Teil seines Hab und Guts verstaut ist. Unterwegs zu sein, das kostet Energie, trotz aller distanzüberwindenden Technik. Vielleicht spürt er die Reibungskraft der noch nicht nomadischen Gegenwart. Denn ein gesetztes Siedlerleben gilt, auch bei aller Rede über Mobilität und Flexibilität, immer noch als gut und richtig. "Die Idee, ständig und ohne festen Wohnsitz im Hintergrund unterwegs zu sein, ist dagegen komplex, macht Angst", sagt er. "Stabil gleich seriös, unstabil gleich unseriös."

Mit 17 verlagerte Alexander Stenzel sein Leben auf die vier Räder eines VW-Busses. Eigentlich sei er schon als Nomade geboren, sagt er heute. Damals hielten alle ihn für verrückt, hatte er doch eine aussichtsreiche Laufbahn als Profitennisspieler vor sich. Doch er kaufte sich einen Bus, mit dem parkte er von nun an vor dem Einfamilienhaus seiner Eltern bei Recklinghausen oder vor der Tür der Freundin, ging nur zum Duschen hinein in das Haus und durch den Schnee, mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen, zurück, um sich in seinem mobilen Heim umzuziehen. Zuvor war er zum Wellenreiten in Kalifornien gewesen, von dort hatte er Surf-T-Shirts mitgebracht, die verkaufte er nun aus seinem Mobil heraus. Warum sollte er eigentlich nicht selber Mode entwerfen?

Mit 21 hatte er dann seine eigene Modemarke. Er designte und vermarktete eine Kollektion, die vom Surfen und Skaten inspiriert war und Broken Glasses hieß. Schnell etablierten sich seine weiten Hosen und Shirts in den schicksten Boutiquen. Damit machte er seine erste Million. Modemagazine wie die Vogue schrieben über den jungen Designer, inzwischen leitete er eine 15-köpfige Firma. Doch bei Modeschauen übernachtete er immer noch auf dem Parkplatz. In öffentlichen Herrentoiletten machte er sich für luxuriöse Abendessen zurecht oder für Messen, wo die Fachpresse und Konkurrenz bei ihm Schlange standen. "Irgendwie beschwerte mich allerdings dieser Erfolg, und bevor ich Wurzeln schlagen konnte, gab ich das Modegeschäft auf." Mit der Kunst, die Alexander Stenzel heute macht, ist der inzwischen 34-Jährige allerdings nicht minder erfolgreich.

"Die Bequemlichkeit ist wie ein Falle", sagt er. "Ich versuche es mir selbst unbequem zu machen. Schon früh hatte ich die Vision, dass ich alles, was ich habe, bei mir trage. Dass ich keinen festen Wohnsitz brauche." Er schläft - ein über die Jahre gut organisiertes System, das von Tokyo bis München reicht - bei Freunden, heuert kurzfristig Apartments an oder übernachtet in Luxushotels. In den vergangenen zehn Jahren war er nur einige wenige Wochen in Deutschland. "Die Welt ist mit 193 Ländern einfach zu groß, es gibt zu viele Orte abzusurfen." Mit seinem Lebensstil steht Alexander Stenzel nicht allein, schon gibt es Handbücher für "Sofasurfer", die New York Times schrieb kürzlich über die "Yuppies without Home: Footloose and Rentfree".

"Der Nomade von heute ergibt sich durch nichts anderes als das Diktat der Produktion", sagt Peter Weibel ganz unromantisch, holt einen frisch von seiner Sekretärin gekauften Zehnerpack Socken aus der Plastiktüte und legt ein paar davon in seinen kleinen himmelfarbenen Koffer, der, so, wie er aussieht, schon viel von der Welt gesehen haben muss. Bei einer kurzen Pause in seinem Büro in Karlsruhe schnallt sich Peter Weibel ein Messgerät um den Unterarm, fühlt den Puls, den Blutdruck, liest die Zahlen ab. "Gute Werte", sagt er, als könne er seinen eigenen körperlichen Zustand sonst nicht mehr beurteilen. Als sei er durch die vielen und langen Strecken, die er in seinem Leben bereits zurücklegte, fast schon entmaterialisiert.