Mein Jahrhundertbuch (49)

Ludwig Harig: "Der große Meaulnes" von Henri Alain-Fournier von harig

In sinnlich gesättigten Sprachbildern kündigt dieser Roman - das einzige Buch des Schriftstellers Alain-Fournier - die folgenschwere Entwicklung unseres Jahrhunderts im frühesten Augenblick der gesellschaftlichen Wende an: ein Jahrhundertbuch französischer Herkunft!

Helle, impressionistische Bilder, Cézanne vergleichbar, zeigen Landschaftsszenerien von unberührten Gegenden, Stillleben aus kleinbürgerlichen Häusern, Porträts gebildeter, friedfertiger Menschen. Doch fast jedes Bild bekundet die Verletzlichkeit von Natur und Mensch, die Blässe gefährdeter Traumwelten, die Mattheit eines zartsinnigen, wohl unzerstörbar scheinenden, doch stets labilen Optimismus. Wunsch, Augenblick, Abenteuer: Die atmosphärisch ineinander fließenden Lieblingswörter des Dichters üben ein letztes Mal in verklärter Zeit- und Geschichtslosigkeit ihren Zauber aus.

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Hier, im höchsten Moment des Gefühls zweier Freunde, nicht erwachsen werden zu müssen, zerbricht eine Illusion, die mehr ist als eine irrige Vorstellung von heiler Welt. Es zerbricht die Illusion des schönen Scheins, Blochs "Gesang in den Lüften zu hören" - genau an der Stelle, an der sie am fragilsten ist, dort wo streitbares Abenteuer in kriegerische Auseinandersetzung, Austausch von Gedanken in Blutvergießen umschlägt. Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs erschienen, spiegelt sich in diesem Roman der Stimmungsumschwung von Geborgenheit zu Unbehaustsein genauso deutlich wie hundert Jahre früher der Wechsel von romantischer Spielseligkeit zu politischer Realitätsdrastik in Eichendorffs Ahnung und Gegenwart .

"Aus dem Zauberrauche unserer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren", heißt es bei Eichendorff. Alain-Fourniers Roman endet zwar ungleich vager - und weist dennoch in eine Zukunft voller Zweifel, ja Ungewissheit: "Ich fühlte, der große Meaulnes war nur heimgekommen, um mir die einzige Freude wegzunehmen, die er mir noch gelassen hatte. Und ich sah ihn schon vor mir, wie er bei Nacht und Nebel sein Kind in einen Mantel hüllte und mit ihm auszog zu neuen Abenteuern."

In einem Augenblick veröffentlicht, da die Traumpfade an Drahtverhaue stiessen, sich Spielfelder in Schlachtfelder, Chausseegräben in Schützengräben, Spaziergänger in Meldegänger wandelten, schien das Idyll von Granaten zerschmettert und für alle Zeit seiner Anmut entkleidet zu sein: Denn den Klängen ferner Musik, dem Nachhall zauberhafter Gespräche voller Sehnsucht und reuigem Verlangen, all den Seufzern von Unschuld und Reinheit in Freundschaften, die feierlicher und verpflichtender seien als eine große Liebe, antworteten die Tag und Nacht niedergehenden Stahlgewitter im Walzwerk der Front. Dem frischen Duft der glatten, nackten Leiber badender Jünglinge bei Alain-Fournier, denen die paradiesische Landschaft wie ein Ort gereinigter irdischer Kühle vorkam, stand der Geruch dampfender Eingeweide und das aus zerfetzten Uniformen grünlich leuchtende verweste Fleisch bei Ernst Jünger gegenüber.

Doch fünfundachtzig Jahre danach, trotz gründlichster Desillusionierung, übt dieser Roman seine Verführungskraft immer noch aus: Nach den Kriegen ist er zum Kultbuch einer Frieden und Sinn suchenden französischen und deutschen Jugend geworden; unverzichtbar gehört er zum Literaturkanon französischer Schulen. Der Tod des Dichters auf dem Schlachtfeld von Les Eparges am 22. September 1914 ist die Fortsetzung des Romans ins Leben. Dabei bleibt es ungewiss, ob der Dichter sein Werk nicht mit der Waffe zu Ende geschrieben hat. Erst vor ein paar Jahren wurde im Wald von Saint-Rémy Leutnant Fourniers Skelett mitsamt den Überresten der zwanzig erschossenen Männer seiner Einheit in einem Massengrab gefunden: Nach wieder zurate gezogenen Militärpapieren haben sie einen deutschen Militärwagen überfallen und zwei Schwerverwundete durch Kopfschüsse getötet. Wie für Ernst Jünger, der ein halbes Jahr später bei Les Eparges seine erste Schlacht erlebte, war der Krieg für Alain-Fournier das prägende Erlebnis schlechthin.

Ein Jahrhundertbuch, auf das schon ein Jahr nach seinem Erscheinen der Staub einer gerade zu Ende gegangenen Zeit gefallen war - doch nicht liegen geblieben ist! Was es dichterisch ankündigt, erfüllt sich in der Wirklichkeit des Lebens.

Henri Alain-Fournier:Der große Meaulnes

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